Tomalak

  Tranthar schien diese Abwehr zu spüren. Sein Lächeln verschwand. Auf seiner Stirn entstanden Falten, die Nachdenklichkeit ver­mittelten. Ja, Nachdenken hatte er bitter nötig. Vielleicht würde sich sein Verhalten anderen Ma’chors gegenüber ändern. Doch Vynga glaubte nicht so recht daran.

 

  Jewon da Carnat richtete sich auf. „Vynga!“ sagte er entschlossen. „Sie übernehmen jetzt das Kommando. Ich werde die Rettungsaktion leiten!“ Während er schnellen Schrittes die Zentrale verließ verständigte er bereits die in Bereitschaft stehenden Ma’chors des Rettungstrupps. Vyngas vor Überraschung gehauchtes „Ti’Ghen, Erhabener!“ erreichte ihn nicht mehr.
  Ihr war, als würde ihr jemand die Luft abschnüren. Sie verstand nicht, wie Jewon da Carnat im Augenblick höchster Gefahr die Zentrale verlassen konnte. Er hatte nun ihr die ganze Verantwortung aufgebürdet, und das in einem Moment, in welchem sie niemals damit gerechnet hatte. Was, so fragte sie sich, sollte sie jetzt tun?
  Die ES’COFEER befand sich kurz vor dem Eintritt in die Atmosphäre. War dieses Raum­schiff als Werkzeug eines Attentäters oder als Notfall einzustufen? Jede ihrer Entscheidungen konnte zu einer Katastrophe führen!
  Weshalb hatte Jewon da Carnat die Zentrale verlassen? Sie wußte, die Antwort auf diese Frage war für sie sehr wichtig. Zuletzt hatte er mit Tranthar gesprochen. Tran­thars letzte Berechnung galt der wahrscheinlichen Landegeschwindigkeit des Raum­schiffs und der Überlebens­chance der Besatzung. An den Werten zu dieser Berechnung hatte sich in der Zwischenzeit jedoch nichts geändert. Es mußte etwas anderes sein. Was war bei der Landung eines Raumschiffs noch von Bedeutung? Bei den Tempeln der Dryhanen, was?
  Der voraussichtliche Aufschlagpunkt? Nein! Das war zweifellos der Raumhafen. Andernfalls hätte sie Jewon da Carnat informiert. Es wäre denn….. Ein ungeheurer Verdacht stieg in ihr auf und brachte ihre Gedanken ins Stocken. Sollte vielleicht Tran­­­thar ihr absichtlich die Information vorenthalten haben? Wenn der voraussichtliche Aufschlagpunkt des Raumschiffs nicht der Raumhafen war, dann wäre die Handlungsweise von Jewon da Carnat zumindest ansatzweise verständlich. Ein Attentäter würde natürlich versuchen, die Bombe mitten ins Zentrum zu plazieren, um so viel Schaden wie möglich anzurichten. Lag der voraussichtliche Aufschlagpunkt außerhalb des Zentrums, wäre die Notfall-Theorie die wahrscheinlichere.
  Ein Blick zu Tranthar schien ihren Verdacht zu bestätigen. Er hatte sie anscheinend schon die ganze Zeit beobachtet. Sein Lächeln war gelinde gesagt provozierend. „Tranthar!“ rief sie mit mühsam unterdrücktem Zorn. „Gibt es schon eine Wahrscheinlichkeitsberechnung über den Aufschlagpunkt?“
  „Ti’Ghen, Erhabene!“ Für Vynga waren diese Worte purer Hohn. „Das Raumschiff wird voraussichtlich 25 Tarkas vom Raumhafen der Akademie entfernt aufschlagen. Der Unsicherheitsradius beträgt 12 Tarkas.“
  Während Vynga an der Oberfläche ruhig blieb, wallte der Zorn in ihrem Innern. Tranthar hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Werte vom Bildschirm abzulesen. Für sie war es klar. Tranthar lagen die Werte schon länger vor. Er hatte sie absichtlich im Ungewissen gelassen. Vielleicht hatte er gehofft, daß sie einen Fehler begehen würde. Mehandor lebten in einem Patriarchat. Es mochte sein, daß es Tran­thar ein Dorn im Auge war, ausgerechnet einer Frau unterstellt zu sein. Welche Motivation auch immer für sein Handeln verantwortlich war, so konnte es nicht weitergehen. Nach seinem ersten Mißgriff, hatte sie sich begnügt, ihm aus dem Wege zu gehen und nur mit ihm zusammen zu arbeiten, wenn es unbedingt sein mußte. Jetzt aber war sie bereit, aktiv etwas gegen ihn zu unternehmen. Tranthar würde schon sehr bald merken, daß er sich an die ungeschriebenen Regeln der Akademie zu halten hatte, wenn er nicht untergehen wollte.
 
*      *     *
 
  Es war Tranthar etwas flau im Bauch gewesen, als Jewon da Carnat von ihm verlangt hatte, die Information über den voraussichtlichen Aufschlagpunkt nur dann weiterzugeben, wenn sich Vynga direkt danach erkundigte oder wenn es die Situation erforderte. Anscheinend wollte der Ausbilder testen, wie Vynga im Ernstfall agieren würde.
  Jewon da Carnat hatte selbstverständlich direkten Zugriff auf das Kommunikationsnetz in der Zentrale und war so über alles informiert, was nach seinem Weggang in der Zentrale gesprochen wurde. Er konnte jederzeit eingreifen. Deswegen verbot es sich von selbst, Vynga akustisch einen Hinweis zu geben. Und helfen wollte er ihr unbedingt. So beschränkte er sich darauf Blickkontakt mit ihr zu suchen und sie herausfordernd anzulächeln.
  Vynga war auf den richtigen Gedanken gekommen. Allerdings zeigte sie mit keiner Miene an, ob sie auch die richtigen Schlüsse daraus gezogen hatte. Sie wirkte kühl und verschlossen, so als wollte sie niemandem zeigen, wie es in ihrem Inneren aussah.
  „Die ES’COFEER tritt soeben in die Atmosphäre ein!“ Canvas hatte seine sprichwörtliche Ruhe wiedergefunden.
  Vynga wandte sich ihm zu. „Eintritts­ge­schwindigkeit?“
  „Unverändert zu hoch!“
  Wieder krampfte sich in Tranthar etwas zusammen. Tomalak, dachte er, das Verhängnis naht. Und ich kann nichts tun, um dir zu helfen.
  Der Panoramaschirm zeigte die ES’CO­FEER inzwischen nur noch schemenhaft, da sie von ionisierter Luft umgeben war, die sie als leuchtenden Schweif hinter sich her zog. Das Gesicht des kommandierenden Rhagarnführers wurde eingeblendet. „Hier Lormon Denorel. Die ES’CO­FEER hat soeben den Schutzschirm aktiviert! Bleibt der Nur-Beobachten-Befehl weiterhin gültig?“
  „Hier Vynga del Norlaan! Befehl bleibt unverändert. Wahrscheinlicher Aufschlagpunkt ist mindestens 12 Tarkas von Akademie und Raumhafen entfernt. Es spricht alles dafür, daß es sich um einen echten Notfall handelt. Jewon da Carnat ist bereits mit einem Rettungstrupp unterwegs. Schirmen sie wie besprochen das Gelände nach der Landung weiträumig ab!“
  „Ti’Ghen, Vynga del Norlaan!“
  Erstaunt sah Tranthar, daß Vynga mit überraschender Selbstsicherheit auftrat. Jewon da Carnat hätte vermutlich nicht anders reagiert. Eine starke innere Kraft schien sie plötzlich anzutreiben.
  Canvas unterbrach ihn in seinen Gedanken. „Sieh dir das an, Tranthar! Es gibt hier eine merkwürdige Abweichung zwischen der errechneten und der tatsächlichen Geschwindigkeit des Raumschiffs! Kannst du die Differenz hochrechnen?“
{rt}
Pages: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15