Tomalak

   „Ti’Ghen, Erhabener!“
   Zahlreiche Lichtpunkte begannen sich um das Raumschiff zu formieren. Während alle gebannt auf den Panoramaschirm blickten, wagte sich Tranthar zu erheben.

 

  „Erhabener!“ Stieß er hastig hervor. Er fühlte sich nicht besonders wohl in seiner Haut. „Rechnen Sie damit, daß das Raumschiff eine feindliche Besatzung hat?“

 

  Jewon da Carnat wandte sich ihm mit einer schnellen Bewegung zu. Seine Hände hatte er hinter den Rücken gefaltet, die Schultern leicht nach vorne gebeugt. „Ich kann es nicht ausschließen!“ sagte er. Seine Stimme vibrierte unter der inneren Anspannung. „Aber es ist unwahrscheinlich! Bei der geringsten feindlichen Aktion würden wir das Raumschiff zerstören. Zwei Rhagarns der Naator-Klasse sind mehr als ausreichend!“
  „Und wenn es nun eine Arkon-Bombe an Bord hat?“ machte Tranthar seiner größten Sorge Luft.
  Plötzlich war es ganz still in der Zentrale. Canvas und Vynga hatten aufgehört zu arbeiten. Das bullige Gesicht Jewon da Carnats schien wie aus Stein gemeißelt zu sein. „Dann hofft“, raunte er mit gedämpfter Stimme, „daß uns die She-Huhan beistehen!“
  „Wieso schießen wir das Raumschiff nicht ab, bevor es landen kann?“ Canvas Stimme war von Nervosität geprägt. Tranthar hätte ihn für diese Frage ins Gesicht schlagen können. Tomalak war in dem Raumschiff und viele Bekannte aus den älteren Jahrgängen. Wollte er sie alle auf dem Gewissen haben? Nur der eigenen Sicherheit wegen?
  Doch noch ehe er etwas darauf sagen konnte, antwortete Jewon da Carnat. „Wir sind nicht im Krieg, Canvas! Wenn wir jetzt das Raumschiff zerstören und es war weder eine Arkon-Bombe noch eine feindliche Besatzung an Bord, sondern nur die Prüflinge unserer Raum-Akademie, die sich aus welchen Gründen auch immer nicht melden konnten, würde uns der Imperator erschießen lassen. Und er hätte recht daran getan. Wir sind hier kein Vorposten der arkonidischen Flotte, der ständig auf der Hut sein muß, sondern eine Raum-Akademie!“
  „Erhabener!“ Tranthar runzelte die Stirn. Wollte Vynga wieder zugunsten von Canvas eingreifen?
  „Noch Einwände, Vynga?“
  „Nein, Erhabener! Die Auswertung des Hypersprungs liegt vor!“
  „Und?“
  „Demzufolge hätte das Raumschiff mit einem Hypersprung eine Entfernung von 196 Lichtjahren überbrückt! Die Positronik hat dieses Ergebnis mit einem Flottenstützpunkt, der etwa 40 Lichtjahre von uns entfernt ist, abgestimmt.“
  „196 Lichtjahre! Die ES’COFEER! Unmöglich!“ entfuhr es Tranthar. 50 Lichtjahre war für diesen Raumschiffstyp die Normalität. Maximal 100 Lichtjahre waren in Ausnahmefällen möglich.
  „Warum nicht?“ Jewon da Carnats Stimme schwang vor Zynismus. „Wenn man lebensmüde ist und alle Energie im Schiff den Hypergenerator zuleitet, wäre das durchaus möglich! Die Chancen, daß der Hypergenerator explodiert und das Raumschiff zerreißt, sind mit 10% gar nicht so hoch!“ Jewon da Carnat stieß die rechte Faust in die linke offene Hand. Ein Zeichen, wie sehr er innerlich erregt war. „Stimmt die Entfernung mit der Position des ausgewählten Sonnensystem überein, Vynga?“
  „Ja! Das Paru-Atan-System ist exakt 196 Lichtjahre von Varynkor entfernt, Erhabener!“
  „Welches System?“
  „Das Paru-Atan-System, Erhabener!“
  „Niemals. Ich kenne das Paru-Atan-System. Es liegt 160 Lichtjahre von Varynkor entfernt!“
  „Seht selbst, Erhabener! Die Positronik gibt als Ziel der ES’COFEER das Paru-Atan-System an und die zugehörigen Koordinaten bedeuten, daß dieses System 196 Lichtjahre von uns entfernt ist!“
  Jewon da Carnats Antlitz verdüsterte sich zusehends, als er sich vom Wahrheitsgehalt der Aussage Vyngas überzeugen lassen mußte. „An dieser Sache ist irgend etwas faul“, fauchte er vor sich hin. „Die Koordinaten sind definitiv falsch. Irgend jemand muß sie falsch eingegeben haben, ob versehentlich oder absichtlich wird sich noch herausstellen, und zwar schon sehr bald!“
  „Erhabener! Die ES’COFEER! Sie tritt jeden Augenblick in die Atmosphäre ein!“ Canvas war sichtlich erregt. Anscheinend hatte die Diskussion um die Arkon-Bombe sein Nervenkostüm schwer belastet. Auch Tranthar bemerkte ein komisches Gefühl in der Magengegend.
  „Die voraussichtliche Eintauchgeschwin­digkeit ist viel zu hoch! Ich transferiere die Daten zu dir, Tranthar! Zwecks Wahrscheinlichkeitsberechnung!“
  „Daten erhalten!“ Irgendwie war Tranthar erleichtert, daß er wieder etwas zu tun bekam. Während er die Daten für die Positronik aufbereitete, befahl Jewon da Carnat den Befehlshabern der Jäger-Rhagarns mit verhaltener Geschwindigkeit in die Atmosphäre einzutauchen und die Landestelle abzuschirmen.
  Die Positronik zeigte Augenblicke später das Ergebnis. Tranthar jagte ein eiskalte Schauder den Rücken herab, als er die Zahlen sah. „Erhabener! Das wird eher ein Absturz als eine Landung. Die Positronik hat mit einer Wahrscheinlichkeit von über 70% errechnet, daß Überlebenschancen nur für diejenigen bestehen, die sich innerhalb der Hauptzentrale aufhalten!“
  Bei den letzten Worten hätte ihm beinahe die Stimme versagt. Jäh war ihm bewußt geworden, was diese Zahlen bedeuteten. Tomalak war für den Maschinenleitstand verantwortlich. Seine Chance zu überleben ging damit gegen Null. ‘Ihr Sternengötter, helft ihm!’ schrie er innerlich auf, dann breitete sich ein taubes Gefühl der Hilflosigkeit in ihm aus.
 
*     *      *

  Übergangslos wurde er wach. Der Schmerz pochte wieder an der linken Seite. Und ein infernalisches Dröhnen tobte durch seinen Kopf. Der Bodenbelag drückte sich kühlend an seine Stirn und übertrug das Vibrieren von Aggregaten, die auf Hochleistung liefen. Langsam richtete sich Tomalak auf! Bunte Lichter flirrten über die Kontrollpulte. Das Raumschiff war wieder zum Leben erwacht.

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