Tomalak

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  Der Kampfroboter! Tomalak konnte ihn nicht sehen, doch der Druck auf seinem Brustkorb ließ ihn vermuten, daß er noch auf ihm lag. Das Einschalten des Schutzschirms mußte doch noch etwas bewirkt haben, sonst würde er jetzt nicht mehr leben. Trotzdem, die Schmerzen machten ihn fast wahnsinnig. Vorsichtig tastete er mit den Händen nach dem Roboter und versuchte ihn von sich zu stemmen. Mehrere Quarsocks, mehr schaffte er nicht und der Schmerz steigerte sich ins nicht mehr meßbare.
  Hilfe. Er brauchte Hilfe. Er schaltete den Funk seines Raumanzugs ein. Doch auf der Interkomfrequenz war absolutes Schwei­­gen. Auch seine mehrmaligen Rufe änderten daran nichts. Was war geschehen? Wieso meldete sich niemand? War eine Maschine explodiert oder hatte das Raumschiff einen Treffer erhalten? Aber es mußten doch noch Besatzungsmitglieder überlebt haben. Tomalak verstand das alles nicht. Er wußte nur, er konnte nicht hier liegen bleiben. Der Schmerz peinigte ihn zu sehr. Er mußte sich selbst helfen. Noch einmal versuchte er den Roboter anzuheben. Vergeblich.
  Und was war, wenn er ihn aktivierte? Nein! Bevor er ihm erklären konnte, wie er sich zu verhalten hatte, würde der Kampfroboter versuchen sich aufzurichten. Tomalak wollte nicht daran denken, welche Blessuren er dann noch hinzu bekam. Der Mikrogravitator! Wenn er ihn abschaltete, würde er statt mit den gewohnten 1,96 g nur mit 1g belastet. Das konnte ihm vielleicht helfen. Es bereitete ihm keine Probleme den Mikrogravitator abzuschalten.
  Wieder schob er seine Hände unter den Kampfroboter. Diesmal legte er alle Kraft in einen schnellen Aufwärtsstoß. Von seiner linken Seite durchfuhr ihn ein mörderischer Schmerz. Tomalak hätte nie gedacht, daß irgendein Lebewesen in der Lage war, Schmerz so intensiv zu empfinden ohne das Bewußtsein zu verlieren.
   Dann stieß er den Roboter seitlich von sich weg. Er knallte neben ihm auf den Boden. Tomalak richtete sich vorsichtig auf. Der Schmerz war geblieben. Das Atmen fiel ihm jedoch leichter. An seiner linken Seite war der Raumanzug aufgerissen und grünes Blut floß aus einer tiefen Wunde.
  Für Tomalak war das kein Grund in Panik zu verfallen. Kah’lass waren anderes gewohnt. Ein Blick auf sein Kombinationsgerät zeigte ihm, daß sowohl Zusammensetzung der Atmosphäre als auch Außendruck dem Gewohnten entsprach. Er entledigte sich zuerst des zerbeulten Raumhelms, der ihm nur hinderlich war, dann legte er mit einem kleinen Vibratormesser, daß zur Notausrüstung gehörte, die Wunde frei. Aus einer Außentasche des Raumanzugs entnahm er einige medizinische Gegenstände, um das Blut zu Stillen, die Wunde zu klammern und mit Biomolplast zu besprühen. Außerdem nahm er einige schmerzstillende Mittel. Danach ging es ihm sichtlich besser.
  Sein Versuch, den Kampfroboter zu aktivieren scheiterte daran, daß er den Code nicht wußte. So machte er sich zur Zentrale auf, leicht gebeugt und das linke Bein nachziehend. Der Antigravschacht von Deck 3 zu Deck 4 war genauso tot, wie alles hier an Bord. über die Notleiter hangelte Tomalak sich schwer atmend auf das nächste Deck. Danach mußte er sich kurz ausruhen, bevor er das Schott zur Zentrale im Handbetrieb öffnete. Völlig ausgepumpt betrat er die Zentrale. Es war still. Nicht einmal das leise Zischen der Lufterneuerung war zu vernehmen. Die Zentrale war tot. Von der Galerie aus hatte er einen guten Überblick. In der Düsternis der Notbeleuchtung, die durch den schwarzen Panoramabildschirm noch bedrückender wirkte, sah er einen Großteil der Ma’chors bewegungslos in den Kontursessel liegen.
  Für einen Augenblick überfiel ihn Schwäche, schwarze Schatten tanzten vor seinen Augen. Dann hatte er sich wieder im Griff. Als er die Stufen zur Zentrale hinabstieg, sah er das Grauen und das Entsetzen festgemeißelt in den Gesichtern hinter den Helmscheiben.
  Was, so fragte er sich, war mit Ihnen geschehen? War es eine neue Waffe, der sie zum Opfer gefallen waren. Und wenn dem so war, wieso war er dann nicht davon betroffen?
  „Kelorn, Jastros, Elira, Ryghan!“ Er nannte nacheinander ihre Namen, während er sich an ihnen vorbeischob, um zu den Hauptkontrollen zu gelangen. Er nahm sich die Zeit, sie für einen Augenblick genauer zu betrachten. Es war bei allen das gleiche: der pure Wahnsinn schien ihre Gesichtszüge verzerrt zu haben. Sie mußten durch die Hölle gegangen sein. Selbst die Bewußtlosigkeit schien für sie keine Befreiung gebracht zu haben. Aber die Überlebensanzeige in den Raumhelmen zeigte bei allen positive Werte.
  Kurz vor der Hauptkonsole begann die Umgebung vor seinen Augen zu verschwimmen. Tomalak taumelte. Seine Hän­de tasteten nach der Lehne eines Kontursessels, um sich daran festzuhalten. Vergebens. Die Schwäche übermannte ihn. Langsam kippte er nach vorne. Noch einmal konnte er sich an der Hauptkonsole abstützen. Für Augenblicke schälte sich die Kontur des Hauptenergieschalters aus dem wogenden Nebel. Seine Hand umklammerte den Multifunktionshebel, während er langsam nach unten rutschte.
  Tomalak hörte nicht mehr, wie die Generatoren des Raumschiffs zu rumoren anfingen. Er sah nicht mehr, wie die Bordbeleuchtung sich normalisierte. Als die Positronik den Kurs Richtung Varynkor korrigierte und die aufbrüllenden Triebwerke mit Maximalwerten auf Gegenschub gingen, war er bereits nicht mehr bei Bewußtsein.
 
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  „Die Schlingerbewegungen hören auf! Die ES’COFEER hat wieder direkten Kurs auf Varynkor.“ Während Lormon Denorels Stimme verklang, verschwand das Raumschiff seitlich vom Panoramaschirm der Zentrale. Sternenbilder kristallisierten sich heraus, bewegten sich quer über den Schirm, um schließlich wieder einem grellflammenden Lichtpunkt Platz zu machen, der ES’COFEER. Diesmal wuchs der Punkt langsam heran. „Hier Lormon Denorel! Passe mei­ne Geschwindigkeit der des Raumschiffs an! Schlage vor, auf der Außenhülle zu landen und in das Schiff einzudringen. Seid Ihr damit einverstanden, Erhabener?“
  Tranthar sah, wie Jewon da Carnat die Stirn runzelte. „Canvas!“ bellte er dann. „Die genaue Position der ES’COFEER!“
  Bevor Canvas nur Luft holen konnte, um die gewünschte Position zu verkünden, war Jewon da Carnat schon hinter ihm und las die Werte vom Bildschirm ab. „Über­schreitet gerade Bahn des 3. Planeten, ca. 4 Zeiteinheiten bis zum Eindringen in die Atmosphäre von Varynkor.“

  Jewon da Carnat drehte sich dem großen Panoramaschirm zu. „Nicht auf der Außenhülle landen! Hören Sie, Lormon! Die Zeit ist zu knapp. Begleiten Sie mit Ihren zwei Geschwadern das Schiff! Und feuern Sie sofort, wenn Sie anmessen, daß die Geschütztürme aktiviert werden! Das ist ein Befehl!“

{rt}

 

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