Tomalak

  Jelyn zeigte keinerlei Reaktion und schritt weiter ihres Weges. Bei der Abzweigung verschwand sie aus Tranthars Gesichtsfeld. Tranthar war erschüttert. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. Jelyn hatte ihn absichtlich ignoriert. Aber warum? Jetzt nach diesem Erlebnis erinnerte er sich, daß er vor zwei Tagen schon einmal in der Kantine einige Arkonidinnen gegrüßt hatte, ohne daß sie reagiert hatten. Er hatte vermutet, daß sie ihn vielleicht nicht gesehen hatten. Jetzt sah er dieses in einem anderen Licht.

 

  Er konnte sich nicht daran erinnern, daß er einer von ihnen etwas Böses angetan hatte. Von den arkonidischen Männern war er es ja gewohnt, daß sie ihn wie den letzten Dreck behandelten. Mit Arkonidinnen und Kolonialarkonidinnen konnte er dagegen bisher gut zusammenarbeiten. Weshalb ignorierten sie ihn plötzlich? Und Vynga? Würde sie ihn auch ignorieren? Dieser Gedanke war ihm unerträglich. Er hatte sie seit dem Absturz der ES’COFEER nicht mehr gesehen.
  Jemand bog in den Seitengang ein. Es war Kerasor, der Tamanari. „Heh! Tran­thar!“ rief er. Du siehst aus, als wäre dir ein leibhaftiger Methanathmer über die Füße gelaufen?“ Auf seinen Lippen spielte ein sympathisches Lächeln. Die kurzen braunen Haare waren allerdings gewöhnungsbedürftig und entsprachen nicht dem letzten Stand der Arkon-Mode.
  „Es war ein weiblicher Maahk namens Jelyn Cro-Oth“, seufzte Tranthar. Du müßtest ihr begegnet sein. Sie behandelt mich plötzlich als wäre ich Luft.“
  „Mach dir nichts daraus, Tranthar! Frauen haben so ihre Launen. Morgen kann das schon wieder ganz anders aussehen!“
Noch ehe Tranthar etwas darauf erwidern konnte, packte ihn Kerasor am Arm und zog ihn mit sich fort. „Es gibt Neuigkeiten, Tranthar!“ wisperte er. „Schnell in mein Quartier!“
  Tranthar war neugierig geworden. Er ließ es geschehen, daß Kerasor ihn durch die Tür des nahegelegenen Quartiers zog, vorbei an den hochgeklappten und in der Wand versenkten Antigrav-Liegen, vorbei an den versenkten Wandschränken, vorbei an der Sitzgruppe mit den Trivideo-Kubus bis hin zur vollrobotischen Naßzelle. Kerasor schaltete die Robotsteuerung aus und stellte im Handbetrieb die Körperdusche ein. Er schloß die Tür der Naßzelle nicht ganz, so daß das prasselnde Geräusch von zerstäubenden Wasserstrahlen den Wohnraum durchdrang.
  „Was soll der Blödsinn? fragte Tranthar.
  „Eine reine Sicherheitsmaßnahme gegen Abhörversuche. Du wirst gleich verstehen warum! Alles was ich dir jetzt erzähle, ist streng geheim! Aber ich muß sicher sein, daß du deinen Mund hältst. Wenn irgend jemand erfährt, daß ich dir geheime Informationen weitergegeben habe, fliege ich von der Raum-Akademie. Kann ich mich auf dich verlassen?“
  Tranthar nickte. „Die Frage war überflüssig“, meinte er. „Bei all dem, was wir schon zusammen erlebt haben, solltest du mich eigentlich kennen. Also fang’ schon an!“.
  Kerasor musterte Tranthar noch einmal mit einem prüfenden Blick. „Also gut!“ sagte er dann. „Wir waren heute bei Jewon da Carnat. Er hat uns auf einen Einsatz vorbereitet. Wir sollen das Paru-Atan-System nach dem Raumschiff absuchen, das auf die ES’COFEER geschossen hat.“
  „Wieso Raumschiff? In der Versammlung hat es geheißen, daß überhaupt nichts über den Feind bekannt sei.“
  „Sie wissen einiges, aber leider noch nicht genug! Es handelt sich um einen arkonidischen Kugelraumer mit 200 Quars Durchmesser. Herkunft unbekannt. Er trug keinerlei Kennzeichnung. Mit seinem Polgeschütz wurde auf die ES’COFEER geschossen. Aber das ist noch nicht alles.“
  „Was gibt es denn noch? Mach’ es nicht so spannend!“
  „Nun, das ganze war nicht etwa nur ein Überfall auf ein Raumschiff, sondern ein gezielter Anschlag auf die Raum-Akademie Varynkor. Auf der ES’COFEER sollte ursprüngliche Antor del Kolamir, einer der beiden Gründer der Raum-Akademie, mitfliegen. Die Koordinaten des Paru-Atan-Systems wurden in der Zentralpositronik gefälscht. Die ES’COFEER sprang in das falsche System und wurde dort schon erwartet. Die Notfallprogrammierung wurde übrigens ebenfalls verändert. Und das nicht nur auf der ES’COFEER.“
  „Aber das ist unmöglich! Niemand kann Daten in der Zentralpositronik ändern, ohne daß dies Alarm auslösen würde!“ Tranthar wußte, wovon er sprach. Schließlich hatte er auf der Raum-Akademie alle Fächer belegt, die mit dem Thema Positronik zu tun hatten.
  „Nichts ist unmöglich!“ Kerasor stieß ein gequältes Lachen aus. „Irgend jemand hat auf unserer Raum-Akademie eine Spitzenkraft auf diesem Gebiet eingeschleust. Einen Saboteur, der das Geschwür Varynkor aus dem Imperium entfernen soll. Und zwar so, daß es niemand bemerkt.“
  „Hmh!“ Tranthar zwirbelte seinen linken Bartzopf zwischen den Fingern. „Und weil man den Saboteur in Sicherheit wiegen will, hat Antor da Kolamir während der Versammlung nur die halbe Wahrheit erzählt!“
  Kerasor nickte. „Du weißt das gestern die VAYLOR gelandet ist, ein 500-Quars-Trägerschiff der FUSUF-Klasse?“
  „Ja! Und ich bin froh darüber, daß die Zeit endlich vorbei ist, in der Varynkor von Raumschiffen entblößt war.“
  „Du freust dich zu früh, Tranthar!“ Kerasor schlug ihm freundschaftlich auf die Schultern. „Denn morgen wird sie mit den vier Beibooten und vier Jäger-Rhagarns der NAATOR-Klasse an Bord sehr früh in Richtung Paru-Atan-System starten. Wohlgemerkt in das falsche Paru-Atan-System.“
  Tranthars Gesicht reizte Kerasor zum Lachen. „Keine Angst, Tranthar! Wer einen Saboteur einschleust, wird Varynkor nicht in aller Öffentlichkeit angreifen.“
  Tranthar winkte seufzend ab. „Wer außer dir ist noch mit dabei?“ wollte er wissen.
  „Charrut, Pereth, Trimor, Auris, Areg­na­tha, Taneth und Roffa. Wir sind neben dem Kommandant der VAYLOR die einzigen die eingeweiht sind. Jewon da Carnat hat uns gesagt, daß jeder einzelne von uns einem Psychotest unterzogen worden ist.“
  Kerasor sah auf sein Multifunktionsarmband. „Charrut wird gleich hier sein“, sagte er hastig. „Es wäre mir lieb, wenn er dich nicht hier vorfinden würde. Er könnte sich einiges Zusammenreimen.“
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