Begegnungen (Tartor 14.597 d. A.) – Teil 1

Tranthar hatte, während sie warteten, von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Seitenblick auf Charruts Gesicht geworfen und sich selbst immer wieder gefragt, wie er reagieren würde, wenn er die Frau verlieren würde, die er heimlich liebte. Er wusste es nicht. Jedenfalls sah er in Charruts Gesicht einen Ausdruck großer Traurigkeit und Verlorenheit, gepaart mit Unverständnis. Dann und wann zuckte ein schmerzhafter Impuls über sein Gesicht; immer dann, wenn er sich bewegte und der eingekugelte Arm Wellen von Schmerzen aussandte.

Als der ermittelnde Sicherheitsoffizier, Doun Ousko, nach einer für Tranthar quälend langen Zeit wieder erschien und vor Charrut stehen blieb, sah er, dass Charruts geistesabwesender Blick wieder in die Gegenwart zurückkehrte.

Der Sicherheitsoffizier warf noch einmal einen Blick auf seine Mikro-Positronik und kratzte sich verlegen am Hinterkopf, als er zu sprechen anfing.

„Es tut mir leid, aber das Spezialistenteam ist noch keinen Schritt weitergekommen. Fest steht nur, dass alle Sicherheitsfunktionen ausgefallen sind, und zwar gleichzeitig. Wie so etwas geschehen konnte, ist auch den Spezialisten ein Rätsel! Dass, was vom Gleiter übrig geblieben ist, wird jetzt zur intensiveren Untersuchung in ein Speziallabor abtransportiert. Mir wurde versichert, dass mit Hochdruck an der Lösung dieses Mysteriums gearbeitet wird. Trotzdem werden sicherlich einige Pragos vergehen, bis ein erster Bericht vorliegt!“

Charrut stand auf, mit ihm Kerasor und Tranthar. Sein Gesicht war nur eine Handspanne von dem Gesicht des Sicherheitsoffiziers entfernt. Mit einer Stimme, die Tranthar regelrecht frösteln ließ, sagte er: „Ich erwarte von Ihnen, dass alles unternommen wird, um diese Unmöglichkeit aufzuklären. Und ich will schnellstens informiert werden. Haben Sie mich verstanden?“

Tranthar konnte sehen, wie es im Gesicht des Sicherheitsoffiziers arbeitete, es einen abweisenden Ausdruck annahm. Bevor dieser antworten konnte, und Tranthar rechnete mit einer heftigen Zurechtweisung, sagte er beschwörend zu Charrut: „Wir sollten jetzt gehen! Wir können hier sowieso nichts mehr ausrichten und stehen den Spezialisten nur im Weg.“

Charruts Blick wanderte langsam vom Sicherheitsoffizier zu ihm und nach einigen Augenblicken erwiderte er: „Einverstanden.“

Gemeinsam mit Kerasor nahm er Charrut in die Mitte und sie gingen in die Richtung ihres Taxigleiters. Als sie am Sicherheitsoffizier vorbei kamen, sagte Tranthar im Vorbeigehen: „Nehmen Sie es nicht persönlich. Er steht noch unter Schock.“

Der Sicherheitsoffizier sah ihn an und erwiderte: „Tue ich nicht!“

Aber Tranthar konnte sehen, wie es noch immer im Gesicht des Offiziers arbeitete.

* * *

einige Pragos später – irgendwo in Debara Hamtar

Der Abschlussbericht über den Auftrag lag der Organisation vor. Nach dessen Auswertung, dem Abgleich mit Informationen anderer Quellen, wurden die Informationen an ein dreiköpfiges Beurteilungsgremium der Organisation weitergeleitet. Als diese die Daten durchsahen und studierten, sagte Gesprächspartner 1: „Sie ist unfähig!“

„Wir sollten sie besser ausbilden und ihr nochmals eine Chance zur Rehabilitation geben“, erwiderte Gesprächspartner 2.

„Das sind unnötige Kosten. Wir haben ihr eine letzte Chance gegeben und sie hat sie nicht genutzt. Unsere Klienten erwarten eine einhundert prozentige Auftragserfüllung“, sagte Gesprächspartner 3.

„Wir können von Glück reden, dass der Adlige dabei nicht gestorben ist. Das hätte weitreichende Folgen für uns haben können, angefangen von seinem Khasurn über den Shekur des Sektors bis in den Kreis des Imperators, da diese Raumakademie als sein Prestigeobjekt gilt“, erwiderte Gesprächspartner 1. „Wir können es uns nicht leisten, unfähige Mitarbeiter einzusetzen. Wir haben einen Ruf zu verlieren!“

„Sie muss eliminiert werden!“ sagte Gesprächspartner 3 bestimmend. „Ich setze einen Mitarbeiter der Kategorie zwei auf sie an.“

Nachdem die beiden anderen Gesprächspartner ihre Zustimmung signalisiert hatten, wurde die Akte „Sidona Ferinei“ geschlossen. Für die drei Leiter der Untersektion der Organisation war der Fall damit abgeschlossen.

„Ich habe hier einen neuen Auftrag vorliegen“, sagte Gesprächspartner 2…

* * *

Mit sich wegen des verpatzten Auftrags unzufrieden, schlug sie wie besessen auf den Schlagsack im Trainingsraum ihres Stützpunkts ein. Sie suchte ein Ventil und der Schlagsack war dafür ein hervorragend geeignetes Mittel. Immer wieder schlug sie zu, immer heftiger und bemerkte dabei nicht, dass sie beim Zuschlagen ihre Wut hinausschrie.

Ein Alarmsignal der Stützpunktpositronik ließ das Implantat hinter ihrem rechten Ohr ansprechen und sie abrupt innehalten: Einbruchalarm.

Ein Moment lang war sie nicht fähig, die richtige Konsequenz und Entscheidung daraus zu ziehen. Aber nur einen kurzen Augenblick. Tai-Vothanii-lange Übungen ließen sie instinktiv das Richtige tun. Wie von einer gespannten Feder angetrieben eilte sie zum anderen Ende des Trainingsraums und öffnete dort die Tür zur Bekleidungskammer. Rasch trat sie ein, entnahm den Einsatzanzug, den sie auf Varynkor getragen hatte, und zog ihn so schnell es ging an; der Anzug war nicht nur schwarz und antireflexionsbeschichtet, sondern verbarg auch ihre Körpertemperatur. Anschließend ergriff sie eine Restlichtverstärkerbrille und setzte diese rasch auf. Danach rannte sie in den Trainingsraum zurück und nahm einen Dolch an sich, der neben vielen anderen unterschiedlichen Stichwaffen an der Wand hing.

Anschließend stellte sie sich hinter ihren alten Trainingsroboter und sagte leise: „Positronik, Notfallprogramm ‚Verschluss‘ ausführen!“

Schlagartig wurde es dunkel. Einige Kontrolleinheiten warfen schwachen Schimmer in den Raum. Zeitgleich wurden die nicht benötigten Systeme im Stützpunkt heruntergefahren. Das unterschwellige Summen und Vibrieren, das sie schon lange nicht mehr wahrnahm, hörte auf und das einzige, was sie jetzt noch hörte, war ihr eigener Atem und das Pochen ihres Herzens.

Sie wartete. Hatte sie sich getäuscht? Oder war es gar eine Fehlfunktion der Positronik? Als nach etlichen Paltortontas sich noch immer nichts änderte, wollte sie gerade die Deckung hinter ihrem Trainingsrobot verlassen, als sich die Tür zum Trainingsraum langsam öffnete. Sofort blieb sie stehen.

Sie musste ihre Augen zusammen kneifen, um überhaupt einen geringen Kontrast zwischen dunkel und ganz dunkel erkennen zu können, trotz der Restlichtverstärkerbrille. Ein fast nicht wahrnehmbarer Schatten bewegte sich geräuschlos und langsam an ihrem Trainingsroboter und damit an ihr vorbei. Der oder die Unbekannte musste einen vergleichbaren Anzug tragen. Sie schürzte ihre Lippen. Sie versuchte abzuschätzen, wie weit der Eindringling von ihrem Standort entfernt sei, um den Dolch zu werfen, aber sie zog den Gedanken wieder zurück. Es war einfach zu riskant, denn wenn der Dolch nicht richtig traf, waren ihre Chancen nach dem Wurf gleich Null. Nein, sie musste sich selbst von hinten an den Unbekannten heranpirschen und ihn ausschalten.

Vorsichtig hinter dem Roboter hervortretend, folgte sie dem Schatten. Sie umfasste den Dolch fester und hielt ihn so in der Hand, das die Klinge nach oben zeigte. Sie wollte dem auf sie angesetzten Attentäter die Kehle durchschneiden.

* * *

Den Arm zum Todesstoß ausholend und einen zusätzlichen Schritt zum Attentäter zu machen war eins. Die andere Hand wollte gerade das Kinn des Fremden umfassen, als sie ins Leere griff. Der Schwung des Arms mit dem Dolch ließ sie einen weiteren Schritt nach vorne machen, während sie für einen Bruchteil einer Palsartonta wie erstarrt danach stehen blieb. Instinktiv wollte sie sich zur Seite bewegen, als sie aufstöhnte. Ein höllischer Schmerz pulsierte durch ihren Körper, dessen Zentrum ihr rechter Hüftbereich war. Instinktiv wollte sie sich nach hinten werfen und mit einer Rolle Rückwärts aus dem Gefahrenbereich bewegen, aber es misslang ihr gründlich. Der Schmerz war einfach zu stark. Stattdessen landete sie langgestreckt auf ihrem Rücken. Das war ihr Glück. Der Attentäter, der jetzt ihr den Rest gegeben hätte, stolperte über ihre Füße und Beine und strauchelte heftig. So schnell es ihre Schmerzen zuließen, stand sie wieder auf und versuchte ihrerseits, den Attentäter anzugreifen. Beide prallten aufeinander. Geschwächt von der starken Verletzung umklammerte sie ihren Mörder und versuchte, ihren Dolch in seinen Körper zu stoßen.

„So nicht, Anfängerin!“ stieß die Person direkt vor ihr aus, seinen Atem in ihrem Gesicht spürend. Sie erkannte die Stimme wieder. Diese würde sie unter tausenden widererkennen: Es war ihr alter Ausbilder!

Einige Palsartontas rangen beide miteinander und versuchten, den jeweils anderen mit ihren Messern nieder zu strecken. Sie spürte, wie sie schwächer wurde, wie sie immer mehr Blut verlor. Panik erfasste sie. Sie sah ihren Tod kommen, weil durch ihre Schwäche der andere ihr immer überlegener wurde.

„Grüße die She’huhans von mir“, kam es direkt vor ihr aus seinem Mund.

Von Todesangst erfasst, hielt sie den anderen fest und ließ sich nach hinten fallen. Sie hörte noch ein von Überraschung ausgestossenes Stöhnen, bevor sie auf den Boden schwer aufschlug und auf ihr der Attentäter mit seinem Körpergewicht. Ihr wurde regelrecht die Luft aus dem Körper gepresst und einige Palsartontas wurde es ihr Schwarz vor Augen.

Sie wunderte sich zwar, warum der andere sich nicht bewegte, aber das war ihr in diesem Augenblick egal. Mit letzter Kraft stemmte sie den anderen zur Seite und holte tief Luft. Einige tiefe Atemzüge brauchte sie, um etwas zu Kräften zu kommen.

* * *

„Licht!“ rief sie, während sie sich langsam zur Seite drehte, um aufzustehen.

Unter heftigen Schmerzen gelang es ihr nach einigen Palsartontas. Während sie schwankend da stand, sah sie die Blutlachen am Boden, die von ihr stammten. Und sie erkannte auch, warum sich der Attentäter nicht mehr bewegte. Ihr Dolch steckte in seiner Kehle. Wie sie es geschafft hatte, wusste sie nicht, aber das war jetzt nicht wichtig.

Aus der Wunde stark blutend, schleppte sie sich in die vollpositronisch gesteuerte Medikstation ihres Stützpunkts. Sie ließ sich schwer atmend auf den Untersuchungstisch fallen und aktivierte die Medikpositronik. Einige hervorgestoßene Befehle genügten und der vorhandene Medikroboter fing an, sie zu untersuchen und die Verletzungen zu behandeln.

Währenddessen dachte sie nach. Jetzt stand sie auf der Abschussliste, da war sie sich ganz sicher. Der letzte Auftrag, der nur ein Teilerfolg war, musste ihre Auftraggeber davon überzeugt haben, sie auszuschalten. Über kurz oder lang würden sie wissen, dass sie noch immer am Leben war, spätestens dann, wenn sich ihr Attentäter nicht mehr bei ihnen meldete. Was konnte sie tun? Sie hob ihre blutverschmierten Hände vor ihre Augen und sah, dass sie zitterten.

Sie musste sich eingestehen, obwohl es bisher ihre Arbeit war, andere für Cronners zu töten, dass auch sie leben wollte. Sie konnte mit ihrem Raumschiff fliehen, von Zeit zu Zeit auf irgendwelche Planeten eine Zwischenstation einzulegen, aber die Organisation würde sie jagen, bis sie eliminiert war. So schnell entkam man der Organisation nicht! Nein, sie musste eine radikale Wendung vollziehen. Nur wie?

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