Manuel Schenkluhn aka Charrut del Harkon

14.595 Tai-Votanii nach der Reichsgründung steht das Tai Ark’Tussan erneut vor

einer Zerreißprobe. Der Hochmut der adligen Arkii nahm der Gesellschaft die Sicht auf die nahende Verrottung. Immer wieder gab es Sehende, die sich dem Unheil entgegenstemmten, legten geheime Archiv und Depots an und setzten Prozesse in Gang, die erst in ferner Zukunft greifen würden.

Einer dieser Sehenden war der Tai Moas Saran III., Höchstedler und Imperator des Tai Ark’Tussan. Er ging in die Offensive, um die Arkii vor der Degeneration und somit vor dem Untergang zu bewahren.

Doch seine Entscheidungen wurden nicht als wegweisend angesehen. Viele der Hohen Khasurne witterten eine Beschneidung ihrer Machtbefugnisse, ihres Besitzes und Status. Eine Zerreißprobe nicht nur für den Hochadel, denn die Dekrete des Tai Moas treffen auch die mittleren und unteren Adelshäuser.

Das emotionsgeladene Schreckgespenst einer Spaltung des Thi Than, des Hohen Rates, des kompletten Adelsstandes und der gesamten arkonidischen Gesellschaft beschworen einige lautstarken konservativen Gruppen herauf. Sie prägten damit die täglichen Themen und unterstellten dem Imperator, die falschen Entscheidungen zu treffen.

Ein Schrei der Entrüstung fuhr durch Tiga Ranton, als fünf Tai-Votanii vorher, 14.590 da Ark, bekannt wurde, dass Tai Moas Saran III. eine neue Raumakademie auf der Veteranenwelt Varynkor gründete. Neben Arkii wurden hier auf der neuen Faehrl auch Bras’cooi zu Offizieren der Raumflotte ausgebildet.

Für die Konservativen war die Gründung der neuen Raumakademie der letzte Keil, der die Spaltung der Arkii-Gesellschaft in Gang gesetzt hatte. Der Tai Moas hielt dagegen, dass Varynkor die alten Faehrls nicht ersetzen, sondern ergänzen werde. Denn das Tai Ark’Tussan ist weit mehr, als nur die Hohen Khasurns der Arkii.

Die Raumakademie von Varynkor besteht nun im fünften Tai-Votan. Die Direktoren Antor Agh’len Kolamir und Russark del’tiga Telkan haben ihre Arbeit weiter fortgesetzt und können mit großem Erfolg mit der Ausbildung für Offiziersanwärter und Raumtruppen punkten. 14.595 da Ark werden in der Varynkor-Faehrl insgesamt 8.678 Offiziersanwärter und gut 84.000 Mannschaftsgrade ausgebildet.

Zum Ende dieses Ausbildungs-Tai Votans legen die Thos’athors der ersten Ausbildungsstufe von 14.590 da Ark die ARK SUMMIA- Prüfungen ab. Da wird sich die Qualität der Ausbildung auf der Varynkor- Akademie zeigen.

14.598 da Ark ist unser Jahrgang in der vierten Ausbildungsstufe. Die vergangenen Tai-Votanii haben sie geformt, sie sind reifer geworden. Doch auf Charrut warten unerwartete Begegnungen.


Tartor 31, 14.597 da Ark

Charruts Gesichtsfarbe verdunkelte sich und auf seiner Stirn pulsierte eine Ader. Er konnte und wollte jetzt keine Gesellschaft haben, einfach nur allein sein. Darum hatte er sich von den anderen Thos’athors 1) getrennt. Schon seit einiger Zeit kam er mit einigen von Ihnen nicht mehr zurecht.

‚Hatte er sich verändert? Oder die anderen? Oder war es nur eine logische Entwicklung des Älterwerdens oder der Ausbildung auf der Raumakademie?‘ Er wusste es nicht.

Er betrat die belebte Straße und hielt kurz inne. ‚Zurück zur Akademie?‘ fragte er sich. Nein, heute nicht. Heute wollte er sich zerstreuen, wollte etwas erleben, und wenn er nur andere Gesichter sah.

Der Großteil der Arkii 2) auf der Straße zog in Richtung Zentrum. ‚Warum auch nicht‘, sagte er sich, entfernte sich vom Ausgang, reihte sich in die Menge ein und ließ sich von der Menge treiben. Vorbei an auftauchenden Trinkhallen, Restaurants, Glücksspielhallen, Etablissements für einsame Herzen…

Die Reklame wurde bunter und greller, vor diversen Etablissements standen Werber, um Kundschaft in ihr Lokal zu locken. ‚Verdammt‘, ging es ihm durch den Kopf. Er ballte seine Hände zu Fäusten, bis die Fingernägel anfingen, sich schmerzhaft in die Haut zu bohren. ‚Er hatte heute mit Auris Schluss gemacht. Fast drei Tai-Votanii hatten sie beide ein Verhältnis geführt und konnten es geheim halten. Nur Kerasor und Tranthar, seine besten Freunde, waren eingeweiht. Wäre es ans Licht gekommen, wäre es von der Akademie-Leitung nicht toleriert und sie wären von der Akademie verwiesen worden. Paragraph 5 Absatz 17 besagte, dass sich die Thos’athors auf keine Beziehungen jeglicher Art einlassen dürfen, ging es ihm durch den Kopf. Natürlich war ihnen das klar gewesen.

Und dennoch war es zuende. Sie hatten sich wegen einer Nichtigkeit gestritten, ein Wort ergab das andere. Er hatte seine Jacke gepackt und sich mit der Menge mitziehen lassen. Unbewusst hatte er sich langsam an den Rand der Straße bewegt.

Zdhopan 3), kommt herein, gutaussehende und willige Frauen, werden Euch einen unvergesslichen Abend bereiten“ wurde er von einem Werber angesprochen.

„Heute nicht“ antwortete er im Vorbeigehen. Dass ihn dieser Unirhi 4) nicht nochmals ansprach, lag an seinem Gesichtsausdruck, das immer noch den Hauch von Ärger zeigte.

‚Frauen, nichts als Ärger mit Ihnen‘, murmelte er vor sich hin ohne stehen zu bleiben. Einige Geschäfte weiter tauchte an einer Kreuzung ein auffallend grell beleuchtetes Reklameschild auf, das den Weg zu einer Trinkhalle in der Seitenstraße wies. ’Der lachende Mehandor 5) nannte sie sich.


1 Thos’athor = Offiziersanwärter/-in; Es gibt vier Ausbildungsstufen:

1. Anwärter: Hertaso (1. Jahr)

2. Ma’chor (2. Jahr)

3. Le’chor (3. Jahr)

4. Ti’chor (4. Jahr)

2) Arki = Arkonide/in / Mz. Arkii = Arkoniden

3) Zdhopan = respektvolle Anrede, bedeutet „Erhabene / r“

4) Unirhi = arkondisch für Idiot, dumme Person

5) Mehandor = Eigenname der Springer, wörtl. Volk der Händler


‚Passt zwar eher zu Tranthar, wäre aber einen Versuch wert! Hier kommt bestimmt niemand herein, den ich kenne‘, sagte er sich und steuerte auf die Trinkhalle zu. Als er dort ankam, kamen ihm Zweifel. Die Trinkhalle sah eher aus wie eine düstere Spelunke.

‚Nur Mut‘, dachte sich Charrut und trat ein. Das Licht glich eher der Notversorgung an Bord eines Raumschiffes und es lag ein Geruch in der Luft, als wenn hier seit Jahrzehnten niemand mehr gelüftet hatte. Er rümpfte die Nase, ging aber zielstrebig auf einen freien Tisch zu und setzte sich.

Auf der am Tisch angebrachten Speise- und Getränkepositronik bestellte er sich gleich einen Raucasa 1), den ihm Tranthar empfohlen hatte, sollte er einmal Gelegenheit dazu haben. Tranthar hatte behauptet, kein Arki trinkt mehr als ein Glas davon, er soll sogar für Mehandor ein sehr starkes Getränk sein.

Kurze Zeit später kam ein älterer Mehandor mit einer verdreckten Schürze um seinen Wanst an seinen Tisch. Der Mehandor blickte kurz Charrut an, dann das Getränk, das er dabei hatte und wieder zurück, fragte auf die polternde Art der Mehandor. „Zdhopan, wirklich für Euch?“

Charrut antwortete energisch: „Ja, stell es hin und bring mir etwas vom In’asech 2)“.

Der Mehandor grunzte irgendetwas in seinen schon gräulich durchwirkten roten Bart und trottete los und kam ein wenig später mit einer Portion In’asech zurück.

Charrut nahm einige Bissen vom In’asech, bevor er sich an das Getränk heranmachte. Es roch bitter. Er schickte ein kurzes Stoßgebet an die She’Huhanii 3) und nahm zwei kräftige Schlucke. Es schmeckte nicht schlecht, irgendwie nach vergorener Milch und dass es besonders stark sein sollte, hatte er beim Trinken auch nicht bemerkt.

So aß er weiter und trank den Racausa aus, er bestellte sich gleich ein zweites Glas davon. Gut eine Zehnteltonta 4) später spürte er, wie der Alkohol seinen Magen erwärmte und ihm in den Kopf stieg, so langsam bekam er einen glasigen Blick.

„Das hätte ich Euch nie zugetraut, Charrut del Harkon. Ich dachte schon, Ihr wäret ebenfalls ein Weichling, wie die meisten von der Akademie!“, sprach ihn auf einmal eine dunkel klingende Frauenstimme von hinten an.

‚An wen erinnert mich diese Stimme?‘ fragte sich Charrut, und bevor er sich umdrehen konnte, stand sie vor seinem Tisch. Überrascht sah Charrut auf: Es war die

dunkelhaarige Schönheit der LEKA 5)-Besatzung einer seiner letzten Einsätze. Er hatte schon damals ihr Aussehen bewundert. Ein markant geschnittenes Gesicht, kurzgeschnittenes schwarzes Haar, das so gar nicht dem vorherrschenden Erscheinungsbild weiblicher Arkii passte, aber ihr Gesicht umso mehr betonte. Dazu blaue Augen, in denen er sich verlieren konnte – sie erinnerten ihn an den kristallklaren Gebirgssee Nenin auf Harkon – von der sportlichen, durchtrainierten Figur gar nicht zu reden.

‚Verdammt, wie hieß sie noch mal?‘ Doch Charrut fiel ihr Name nicht ein, sein altes Problem. Zahlen, Bezeichnungen und Gesichter waren für ihn kein Problem, aber Namen zu behalten…

„Was meint Ihr?“ fragte er zurück, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, ihren Namen, der ihm einfach nicht einfallen wollte, sagen zu müssen.


1) Raucasa = hochprozentiges alkoholhaltiges Getränk der Mehandor

2) In’asech = gebratene Fleischstreifen auf Salat

3) She’Huhanii = arkonidischen Götter, 12 männliche und 12 weibliche

4) Zehnteltonta = entspricht 0,144 terran. Stunden = 8,64 Minuten

5) LEKA = arkonidisches Gegenstück zur terranischen Space Jet


„Normalerweise verirrt sich hierher nie ein Adliger und erst recht nicht solche, die Racausa trinken“, sagte sie und setzte sich ihm gegenüber. Sie deutete auf sein Glas.

„Das wievielte ist es?“

„Jetzt das zweite in meinem Leben“ erwiderte Charrut und merkte, wie ihm so langsam das Sprechen schwerer fiel.

Sie lachte glucksend auf, drehte sich in Richtung Bar und rief: „Tungha, für mich das Übliche.“

„Das Übliche?“ fragte Charrut. „Ihr seid also öfter hier?“

„Wenn ich gerade nicht im Einsatz oder mit Freunden unterwegs bin, komme ich ein- bis zweimal den Berlenprag 1) hierher“, sagte sie. Der Mehandor von vorhin brachte ihr ein Glas mit Racausa! Sie prostete Charrut zu und bevor er einen Schluck genommen hatte, stellte sie ihr leeres Glas ab.

„Alle Achtung, das würde ich nicht schaffen“ sagte Charrut erstaunt zu ihr.

Sie lachte und fragte: „Was habt Ihr so erlebt, seit wir vor einigen Votanii 2) gemeinsam mit der LEKA im Einsatz waren?“

Während die Trinkhalle immer voller wurde, draußen sich die Sonne dem Horizont entgegen neigte und die Zeit bis Mitternacht immer kürzer wurde, erzählten sich beide gegenseitig Geschichten von Einsätzen, von Freunden und der Familie. Mitten drin waren sie beim Vornamen angekommen und der Alkohol tat seine Schuldigkeit. Das dritte Glas Racausa stand auf ihren Tisch.

* * *

Charrut wurde wach, weil die Sonne ihm ins Gesicht schien. Er blinzelte und fragte sich, seit wann die Sonne in sein Zimmer schien. Er drehte den Kopf und stellte fest, das es gar nicht sein Zimmer war. Eine unbekannte Einrichtung, wohl von Frauenhand drapiert: Hier etwas ausgesprochen weibliches, dort etwas Schmuck, an den Wänden Bilder von Arkii, die er nicht kannte.

‚Wo bin ich?‘ fragte er sich. Er wollte wie immer aufstehen, doch da fing die Welt an sich zu drehen. Er stöhnte, weil ihn leichte Kopfschmerzen plagten. ‚Verdammt, hätte ich nur auf dich gehört, Tranthar‘, dachte er sich und versuchte erneut aufzustehen. Nun ging es, wenn auch nur langsam und mühselig. Er saß am Bettrand, hielt sich den Kopf, die Kopfschmerzen wurden stärker. Ihm war Übel und es brannte in seinen Adern. Verschwommen sah er auf dem Boden umherliegende Kleidungsstücke und bemerkte, dass er nur mit der dünnen Bettdecke bedeckt war, sonst nichts an hatte. Charrut stand auf, mit der anderen Hand stützte er sich beim Gehen ab und folgte dem Gang, der aus dem Schlafraum führte. Die Kopfschmerzen wurden stärker, so dass er nur mit halbgeschlossenen Augen mehr herum stolperte als ging.

Als er in den Aufenthaltsraum trat, sah er sie. Sie saß auf einem Barhocker, hatte die Stiefel von seiner Ausgehuniform an, trug sein Hemd, was nicht zugeknöpft war und sonst nichts. Sie lächelte ihn an, stand auf und ging auf ihn zu, stellte sich auf ihre Fußspitzen und küsste ihn. Dabei drückte sie sich ganz fest an ihn und er spürte ihre harten Nippel auf seiner Haut.


1) Berlenprag = 12er Tag, Pendant zur terranischen Woche

2) Votan(ii) = Periode(n), entspricht terranischem Monat


„Guten Morgen, Du Langschläfer. Wie fühlst Du Dich?“

„Wie von den She’Huhan ausgespuckt, ich habe grässliche Kopfschmerzen, die Welt dreht sich und mir ist Übel“ erwiderte er. „Hast Du etwas gegen die Kopfschmerzen und …“ brachte er gerade noch hervor, bevor er sich setzen musste. Sie lachte ihn an, verschwand kurz aus dem Aufenthaltsraum und kam mit einem Pflaster zurück.

„Das wird helfen“ sagte sie, während sie es ihm an der Halsschlagader ansetze und ihm das Medikament verabreichte.

Gleich darauf verspürte er, wie das Brennen in den Adern, die Übelkeit und Kopfschmerzen nachließen.

„Was ist eigentlich geschehen?“ fragte Charrut. „Was geschehen ist?“ fragte sie.

„Nun, nachdem wir einiges über unsere Familien, Freunde und uns ausgetauscht haben, sind wir uns näher gekommen. Und nach Deinem dritten Racausa wolltest Du unbedingt mit zu mir. Erinnerst Du Dich nicht mehr?“ fragte sie zurück.

„Ich kann mich nur dunkel an das dritte Glas Racausa erinnern und daran, das die Mehandor untereinander anfingen zu wetten, wer als erstes aufgibt oder umfällt. An alles andere, was danach kam, habe ich keine Erinnerung mehr, tut mir leid“, antwortete Charrut.

„Aber meinen Namen kennst Du noch?“ überfiel sie Charrut.

„Ja, Onista!“. Überrascht zuckte Charrut innerlich kurz zurück, doch sein Magen knurrte plötzlich so laut, dass er nicht weiter darüber nachdachte, dass er sich ihren Namen merken konnte.

„Können wir frühstücken? Ich habe Hunger wie ein Cu’heno 1)“ sagte Charrut.

„Das liegt am Racausa, eine typische Nebenwirkung.“ erwiderte sie lächelnd. „Ich werde Dir was zubereiten und die Hygienekabine ist rechts, neben dem Schlafzimmer!“

Charrut versuchte zu lächeln, stand auf und ging noch wackligen Schrittes zur Hygienekabine.

* * *

Als er nach einer halben Tonta 2) wieder in den Aufenthaltsraum kam, duftete es nach frischem Gebäck und heißem Kerisu 3). Onista hatte sich in der Zwischenzeit auch angezogen und trug jetzt einen hautengen Freizeitanzug nach der neuesten Mode. Der Anzug unterstrich ihre Proportionen, dass ihm fast die Luft weg blieb und er unbewusst ein ‚Dala 4) aussprach. Onista stand mit dem Rücken zu ihm, goss Kerisu ein und drehte sich ihm lächelnd zu.

„Gefällt es Dir?“

„Gefallen? Mehr als das“, sagte Charrut, setzte sich, zog seine Stiefel über und sein Hemd an. Anschließend frühstückten sie zusammen.

Nach dem Frühstück fragte Onista: „Sehen wir uns wieder? Oder bleibt es bei einer flüchtigen Begegnung?“

„Darüber habe ich schon während des Frühstückes nachgedacht“, gestand Charrut.

„Und, zu welcher Entscheidung hast Du Dich durchgerungen?“ fragte Onista ihn, während sie ihn beim Trinken über den Tassenrand ansah.


1) Cu’heno = arkonidisches Vielfraß

2) Tonta = arkonidische Stunde

3) Kerisu = arkonidisches Heißgetränk, ähnelt Pfefferminztee

4) Dala = ähnlich dem Ausspruch „wow“


Charrut lehnte sich in seinem Stuhl zurück, sah Onista direkt ins Gesicht, überlegte kurz und er widerte: „Gib mir etwas Zeit, Ich will nichts überstürzen. Außerdem waren vorgestern die Prüfungen der Ti’chor 1), ich weiß nicht, ob ich sie bestanden habe.“

Er machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: „Ein Vorschlag: wir treffen uns morgen wieder, dann hatten wir beide etwas Zeit, darüber nachzudenken. Was hältst Du davon?“

Sie zögerte einen Augenblick, bevor sie mit einer enttäuscht klingenden Stimme antwortete: „Einverstanden. Morgen zur 16. Tonta? Bei mir hier?“

„Ja, gerne!“

„Möchtest Du noch etwas vom Kerisu?“ fragte sie.

„Nur etwas, ich muss gleich los“.

Nachdem er den Kerisu mit vorsichtigen Schlucken ausgetrunken hatte, stand er auf, kontrollierte, ob alle seine Sachen vorhanden waren, die hellblaue Uniform richtig saß.

„Es ist soweit, ich muss mich auf der Akademie zurückmelden“, sagte er dann zu Onista.

Onista stand auf und beide gingen in Richtung Wohnungstür. Vor dem Öffnen der Türe nahm Charrut Onista in die Arme und sie küssten sich. Dann schritt er hinaus in Richtung Antigrav-Schacht.

* * *

Charrut schwang sich auf Höhe der Rohrbahnstation aus den Antigrav-Schacht und schaltete seinen Armbandkommunikator ein. Nach einigen Augenblicken teilte ihm das Gerät mit, dass Kerasor bereits mehrere Male versucht hatte, ihn anzurufen; der letzte Anruf war zur ersten Tonta.

‚Was will denn Kerasor so früh?‘ fragte er sich. Kaum hatte er sich über Kerasors morgendliche Anrufe gewundert, rief dieser erneut an.

„Charrut? Verdammt! Ich habe versucht, dich den ganzen morgen über zu erreichen!

Wir wollten doch noch einige Lerneinheiten gemeinsam durchgehen!“

„Tut mir leid, das habe ich komplett vergessen. Ich bin in Varynkor-Etset versumpft und war die Nacht über nicht in der Akademie.“

„Das gibt Ärger, Charrut. Wo steckst du?“

„Ich bin gerade auf dem Weg zur nächstgelegenen Rohrbahn, um zur Akademie zu kommen. Ich bin hier…“ er las die Beschreibung ab, die neben dem Antigrav-Schacht

angebracht war, „12. Bezirk, bei der Garat-Station.“

„In Ordnung, dann bist du ja spätestens in einer halben Tonta 2) hier. Was war eigentlich los?“, fragte Kerasor nach.

„Am besten, wir treffen uns in meinem Zimmer in unserem Wohnsektor, sagen wir in einer Tonta? Dann können wir darüber reden.“

„Na gut, Charrut, bis später in einer halben Tonta,“ sagte Kerasor und beendete die Verbindung.

* * *


1) Ti’chor = Thos’athor der 4. Ausbildungsstufe

2) Tonta = arkonidische Stunde = 1,44 terranische Stunden


Während der Fahrt mit der Rohrbahn in Richtung Akademie überdachte Charrut die Situation, zu der er vorhin bei Onista nicht die Ruhe gefunden hatte. Wie war er in die Situation gekommen? Alles hing mit Auris zusammen, die ihm schon vom ersten Tag an der Akademie gefallen hatte. Daraus war dann im Laufe des ersten Tai-Votan 1) mehr geworden, er hatte sogar seinen ‚Konkurrenten‘ Pereth del Deghar ausgestochen.

Alles sah damals danach aus, als wenn ihre Beziehung den nächsten Schritt machen würde, aber daraus wurde nichts. Einsätze und Schulungen hatten ihnen wenig Zeit gelassen, sich auch um die eigene Beziehung zu kümmern. Und seit einigen Votanii, eigentlich schon seit Anfang diesen Tai-Votan kühlte sich ihre Beziehung immer weiter ab.

Sie fanden so gut wie keine Zeit mehr, sich zu treffen, und wenn er versuchte, sie zu erreichen, dann war sie entweder in einem separaten Einsatz oder sie antwortete nicht. Er hatte alles versucht, er brauchte sich nichts vorwerfen lassen.

Die Enttäuschung war riesengroß gewesen für ihn. Mit Kerasor und Tranthar hatte er einmal über Auris gesprochen, aber sie hatten ihm auch nicht helfen können. Sogar mit seiner Tante T’hina hatte er am Rande der Hochzeit seiner Schwester darüber gesprochen. Sie hatte ihm einige Punkte dargelegt, die er so nicht gesehen hatte. Nach vielen Votanii 2), in denen er immer wieder versucht hatte, die Beziehung zu Auris zu erneuern, hatte er sich eingestanden, dass es so nicht weitergehen konnte. Es schmerzte natürlich, die Liebe, die er für sie empfunden hatte, nicht erwidert. Aber da musste er durch, mit den Konsequenzen leben, die seine Entscheidung mit sich brachte. Ihm fiel ein, was sein Vater einmal zu ihm gesagt hatte: ‚Jeder Arkii geht seinen Weg. Die Wege mancher Arkii kreuzen sich, gehen eine Zeitlang gemeinsam und trennen sich wieder‘. So war es wohl.

Es war ihm nicht leicht gefallen, seinen Entschluss Auris mitzuteilen, zulange hatten sie eine Beziehung. Auris und er hatten sich wie immer, wenn sie sich verabredeten, in einem Restaurant in der Nähe der Flaniermeile in Varynkor-Etset 3) getroffen. So fielen sie nicht auf.

Auris schien etwas geahnt zu haben, denn sie war von Anfang an ziemlich reserviert gewesen. Er hatte Ihr seine Überlegungen und seinen daraus gezogenen Entschluss mitgeteilt. Anschließend war sie ohne ein Wort zu sagen aufgestanden und gegangen, etwas blasser als sonst und mit einem versteinerten Gesicht. ‚Vielleicht war er etwas zu brüsk gewesen‘ ging es ihm durch den Kopf. ‚Aber andererseits: sie waren keine Kinder oder Jugendliche mehr, sondern beim Militär, das härtet ab‘ sagte er sich.

Und dann war er Onista begegnet. Kennengelernt hatte er sie bei einem seiner letzten

Einsätze, als er als Ma’chor 4) eine LEKA führte. Sie gehörte zu seiner Besatzung, wie noch zwei Frauen und ein Mann. Sie hatte ihm im Laufe des Einsatzes immer mehr gefallen, vor allem, da sie gar nicht dem Arkiibild entsprach: Kurzgeschnittenes schwarz gefärbtes Haar, hellblaue Augen, eine leicht raue Stimme. Aber so sehr sie ihn gefallen hatte, genauso vorsichtig würde er nach der Erfahrung mit Auris sein. Nur nichts überstürzen, keine voreiligen Entscheidungen treffen. Außerdem musste noch etwas Secinda-Moos 5) über die Wunde wachsen, die er durch Auris erhalten hatte. Diesmal würde er nicht den ersten Schritt tun, sondern es auf sich zukommen lassen.


1) Tai-Votan = wörtl. große Periode, arkonidisches Jahr

2) Votan(ii) = arkonidische(r) Monat(e)

3) Etset = Stadt

4) Ma’chor = Thos’athor des zweiten Ausbildungsjahres

5) Secinda-Moos = siebenblättriges Secinda-Moos, arkon. Glücksbringer


Eine Automatenstimme kündigte die Station ‚Raumakademie‘ an, und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

* * *

Charrut kam nach einer halben Tonta zurück in seinem Wohnraum. Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, lehnte er sich mit dem Rücken an die Tür und schloss für einen Moment die Augen: gleich würde Kerasor kommen und wissen wollen, warum er letzte Nacht in Varynkor-Etset versumpft und was vorgefallen war. Was sollte er ihm sagen? Die Wahrheit? Würde er dafür Verständnis Aufbringen? Aber andererseits war er sein Freund, und Freunde hatten keine Geheimnisse voreinander.

Er öffnete wieder seine Augen, stieß sich von der Tür ab und ging in Richtung Schrank, um sich eine neue Uniform anzuziehen. Er hatte seine Uniform schon zur Hälfte ausgezogen, als er an seinem Positronik-Terminal das Symbol für eine schriftliche Nachricht sah. Er setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und befahl der Positronik, die Nachricht darzustellen.

„Oh nein“ murmelte er entsetzt vor sich hin und sackte ein Stück in sich zusammen. Das hatte er total vergessen. Das verabredete Kennwort. Nachdem er nur noch selten zuhause war und fast nicht mehr an einem Nat’tha-meh 1)-Rennen teilnehmen konnte, hatte er vor einiger Zeit durch Zufall im ein Gespräch mitbekommen, indem es um ein geheimes Raumrennen ging. Er hatte damals alles daran gesetzt, teilnehmen zu können und seine Hartnäckigkeit wurde belohnt. Er hatte dann die Bekanntschaft mit einem Veteranen in Varynkor-Etset gemacht, der ihn in die Teilnahme und den Ablauf einweihte.

Selbstverständlich war der Name, den er ihm genannt hatte, falsch, aber er hatte sein Ziel erreicht. Zweimal im Tai-Votanii gab es diese Raumrennen: im Ansoor 2) und kurz vor den Katanen da Capits. Wann und wo wusste kein Teilnehmer, nur das sie einen Prago vorher eine Nachricht in ihren Positronik-Terminals vorfinden würden. Treffpunkt war immer ein kleiner Raumhafen irgendwo auf Varynkor.

Er hatte in der Vergangenheit schon mehrere Versuche gestartet, den Absender zu lokalisieren, aber trotz seiner guten Positronik-Kenntnisse war er immer wieder gescheitert, er vermutete, dass jemand aus der Administration der Akademie selbst involviert war.

Er liebte diese Raumrennen, eingezwängt in einer kleinen Kabine, nur ein Raumanzug mit Notvorräten und einem Notfunksystem, ein Andruckabsorber und einem Ortungsgerät, und sonst nichts. Nur die pure, brachiale Gewalt des Triebwerks im Rücken hieß es, bestimmte Punkte in einem Raumsektor abzufliegen, und das in kürzester Zeit. Nur die fünf schnellsten qualifizierten sich automatisch für das nächste Rennen, und er hatte es in den letzten beiden Votanii geschafft, immer weiter zu kommen. Jeder Teilnehmer bekam die gleiche Ausstattung und es war jedem Teilnehmer überlassen, wie weit er seine Maschine ‚modifizierte‘.

Mittlerweile fragte er sich aber, ob er es noch riskieren konnte, an diesem geheimen Raumrennen weiterhin teilzunehmen. Das Ende der Ausbildung war abzusehen und alles zu riskieren, nur weil er ein paar Tontas Spaß haben wollte? Sicher nicht.


1) Nat’tha-meh = halboffizielle Raumrennen

2) Ansoor = 7. Monat/Periode des arkonidischen Jahres


Außerdem hatten sich seine Prioritäten geändert, seine Sichtweise war jetzt eine andere als noch vor ein paar Votanii. Mit einem inneren Seufzer drückte er am Display des Positronik-Terminals auf die Schaltfläche ‚Nein‘.

Kaum hatte er der Teilnahme abgesagt, als es an der Tür klopfte. Erschrocken sah er auf seinen Armbandkommunikator und musste feststellen, dass die Tonta vorbei war, die er sich vorhin bei Kerasor ausgebeten hatte. Charrut ging zur Tür und öffnete sie. Vor der Tür stand Kerasor. „Komm herein“ sagte er zu ihm und ging wieder in den Raum hinein, wohin ihm Kerasor folgte. „Ich bin gleich soweit, ich muss mich nur umziehen“. Kerasor setzte sich entspannt auf den Stuhl vor dem Arbeitstisch und fragte: „Was war los? Warum bist du, um es mit deinen eigenen Worten zu sagen, in Varynkor-Etset ‚versumpft‘? Wo warst du überhaupt?“

Mittlerweile hatte sich Charrut eine neue hellblaue Uniform angezogen und setzte sich Kerasor gegenüber auf sein Bett. „Ich hatte gestern versucht, dich und Tranthar zu erreichen, aber ihr habt nicht auf meinen Anruf reagiert. Also bin ich alleine nach Varynkor-Etset aufgebrochen. Unterwegs bin ich einigen anderen Thos’athor begegnet, die ich noch von anderen Einsätzen her kenne und so sind wir durch diverse Trinkhallen und anderen Etablissements gezogen, danach bin ich alleine weitergezogen. In einer Trinkhalle traf ich dann eine Frau, die ich vom letzten LEKA-Einsatz kannte. Nach reichlich viel Racausa bin ich dann vorhin bei ihr in der Wohnung aufgewacht.“

Kerasor schaute Charrut mit großen Augen an. „Und Auris?“. Charrut seufzte, fuhr sich mit der rechten Hand durch sein schulterlanges Haar und meinte dann nach einigen Palsartontas1: „Ich habe mich entschieden. Ich lasse Sie den Weg gehen, den Sie gehen will. Ich sehe keine gemeinsame Zukunft für uns.“

Kerasor lehnte sich im Stuhl zurück und antwortete dann: „Seit Anbeginn der Ausbildung, seit wir uns kennen, warst Du immer in Auris vernarrt und jetzt, so plötzlich, nicht mehr?“

„Nein, nicht plötzlich! Seit Anfang dieses Tai-Votans 2) wurde unsere Beziehung immer einseitiger, immer distanzierter. Ich habe alles versucht, um mit Auris darüber zu reden, aber ich habe es nicht geschafft. Entweder habe ich Sie nicht erreicht, oder Sie wollte mit mir nicht reden. Wie dem auch sei, ich habe mich entschieden. Und außerdem habe ich Auris meine Entscheidung schon mitgeteilt!“ Er unterstrich seinen letzten Satz mit einer energischen Handbewegung.

„Wann hast du ihr es gesagt?“ fragte Kerasor überrascht.

„Direkt nach unserer letzten Prüfung. Wir haben uns in dem Restaurant getroffen, das wir bisher immer genommen haben, wenn wir zusammen sein wollten. Dort habe ich ihr meine Entscheidung mitgeteilt.“

„Und wie hat sie reagiert?“

Charrut machte eine unbestimmte Handbewegung und erwiderte: „Na, wie wohl? Du kennst sie doch. Sie hat nichts gesagt und ist ohne ein Wort zu sagen gegangen.“

Kerasor schüttelte den Kopf und erwiderte: „Ich verstehe es nicht. Nein, falsch: Ich verstehe dich nicht! Auf mich hat Auris immer einen patenten Eindruck gemacht. Ich nahm immer an, dass ihr zwei wie geschaffen für einander seit! Und jetzt hast du ihr den ‚Laufpass‘ gegeben. Du hättest ihr noch eine Chance geben und abwarten können, wie es sich für euch entwickelt. Aber das hätte auch nichts mehr geändert, oder?“


1) Palsartonta = Millitonta, eine tausendstel Sekunde


Charrut verzog unwillig sein Gesicht und erwiderte: „Noch mehr Einsätze mit ihr, die von ihrem Onkel beauftragt und beobachtet werden. Und wieder keine Entscheidung von ihr, für oder gegen mich. Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass es besser geworden wäre?“

Kerasor erkannte Charrut gar nicht wieder. Er überlegte kurz, bevor er fragte: „Und diese Frau, die du gestern wiedergetroffen hast? Willst du nicht etwas über sie erzählen?“

Charrut überlegte kurz, was er Kerasor sagen sollte. „Nun, da gibt es nicht viel zu erzählen. Sie war auf meiner LEKA-Disk als Positronik-Spezialistin und Navigatorin und heißt Onista Ferinei. Wie du dir sicherlich schon selbst überlegt hast, ist sie eine Essoya, und sie sieht ganz anders aus als die meisten Arkii: kurze, schwarze Haare und blaue Augen.“

„Und deine Gefühle für sie?“