Dieter Reich aka Kerasor nert Tamanar

14.595 Tai-Votanii nach der Reichsgründung steht das Tai Ark’Tussan erneut vor einer Zerreißprobe. Der Hochmut der adligen Arkii nahm der Gesellschaft die Sicht auf die nahende Verrottung.

Immer wieder gab es Sehende, die sich dem Unheil entgegenstemmten, legten geheime Archiv und Depots an und setzten Prozesse in Gang, die erst in ferner Zukunft greifen würden.

Einer dieser Sehenden war der Tai Moas Saran III., Höchstedler und Imperator des Tai Ark’Tussan. Er ging in die Offensive, um die Arkii vor der Degeneration und somit vor dem Untergang zu bewahren.

Doch seine Entscheidungen wurden nicht als wegweisend angesehen. Viele der Hohen Khasurne witterten eine Beschneidung ihrer Machtbefugnisse, ihres Besitzes und Status. Eine Zerreißprobe nicht nur für den Hochadel, denn die Dekrete des Tai Moas treffen auch die mittleren und unteren Adelshäuser.

Das emotionsgeladene Schreckgespenst einer Spaltung des Thi Than, des Hohen Rates, des kompletten Adelsstandes und der gesamten arkonidischen Gesellschaft beschworen einige lautstarken konservativen Gruppen herauf. Sie prägten damit die täglichen Themen und unterstellten dem Imperator, die falschen Entscheidungen zu treffen.

Ein Schrei der Entrüstung fuhr durch Tiga Ranton, als fünf Tai-Votanii vorher, 14.590 da Ark, bekannt wurde, dass Tai Moas Saran III. eine neue Raumakademie auf der Veteranenwelt Varynkor gründete. Neben Arkii wurden hier auf der neuen Faehrl auch Bras’cooi zu Offizieren der Raumflotte ausgebildet.

Für die Konservativen war die Gründung der neuen Raumakademie der letzte Keil, der die Spaltung der Arkii-Gesellschaft in Gang gesetzt hatte. Der Tai Moas hielt dagegen, dass Varynkor die alten Faehrls nicht ersetzen, sondern ergänzen werde. Denn das Tai Ark’Tussan ist weit mehr, als nur die Hohen Khasurns der Arkii.

Die Raumakademie von Varynkor besteht nun im fünften Tai-Votan. Die Direktoren Antor Agh’len Kolamir und Russark del’tiga Telkan haben ihre Arbeit weiter fortgesetzt und können mit großem Erfolg mit der Ausbildung für Offiziersanwärter und Raumtruppen punkten.

14.595 da Ark werden in der Varynkor-Faehrl insgesamt 8.678 Offiziersanwärter und gut 84.000 Mannschaftsgrade ausgebildet. Zum Ende dieses Ausbildungs-Tai Votans legen die Thos’athors der ersten Ausbildungsstufe von 14.590 da Ark die ARK SUMMIA- Prüfungen ab. Da wird sich die Qualität der Ausbildung auf der Varynkor- Akademie zeigen. So viele neue Offiziersanwärter wie in diesem Tai-Votan 14.595 da Ark hat es hier noch nie gegeben. Erstmals melden sich Mehandor, Kaandor und andere Vertreter der Arkon-Völker auf der Akademie und beginnen ihre Ausbildung.

So startet ein neuer Jahrgang.


Managora Tibbeon

Tarman 28, 14.595 da Ark

Immer wieder kontrollierte sie die aktive Hypnoschulungsanlage gewissenhaft mit konzentriertem Blick. Keine Probleme, die Schulungseinheit wird in zwei Palbertontas 1) beendet sein.

Sie unterstützte Thos’athors, die ihre Freizeit nutzten, um sich weiterzubilden. Die Schlafschulung war nur die eine Hälfte des Lernens. Das Memorieren des Lernstoffes und die differenzierte Anwendung die andere. Meist würde es zwei oder drei Berlenprags benötigen, das „eingegebene“ Wissen zu verfestigen und zu verinnerlichen. Erst danach wurde die nächste Sitzung geplant.

Sie überprüfte noch einmal die Schulungseinheiten für den kommenden Prago, als plötzlich das Licht des aktiven Holobildschirms flackerte. Auf der rechten Seite ihres Pultes blinkte die Anzeige für eine Störung, die so nicht vorkommen durfte. Sie wandte sich an die Positronik.

„Was war der Grund für den Energieabfall?“

„Fehlerdiagnose läuft, Auswertung in sechs Palsartontas 2).“

Bevor die KSOL antwortete, meldete sich rechter Hand die sonore Stimme der Mikro-KSOL für die Schulungsgeräte.

„Achtung, Schulungsgerät Vier wird freigegeben.“

Managora sprang wie elektrisiert auf, als sich das feine Zischen der Öffnungspneumatik des Schulungshelmes

nicht aktivierte. Ein schneller Blick auf das Gerät zeigte ihr, hier stimmt etwas nicht! Sofort drückte sie den Alarmknopf. Man hörte nichts, aber in den Bereitschaftsbereichen der Technik und der Medoabteilung gab es lauten Alarm. Mit fehlerhaften Hypnose-Sitzungen war nicht zu spaßen.

Managora sprang zu Gerät Vier, ein Schrei des Erschreckens entsprang ihrer Kehle.

Die KSOL schaltete sich nicht ab, sondern lud die Lehrprogramme der Stufe VI, VII und VIII.

„Das ist unmöglich, diese Programme befinden sich nicht auf dem Faehrchan!“, schrie sie überrascht heraus.

Mit geübten Griffen aktivierte sie die Notabschaltung und stellte fest, dass diese nicht reagierte. Sofort öffnete

sie die seitliche Außenschale in Haubenhöhe und drosselte die Energiezufuhr. Gleich darauf sprang sie auf die andere Seite und riss dort die Verschalung weg. Sie schob ihren Berechtigungsstick, den sie immer bei sich trug, in die Kontaktstelle und überbrückte die Mikro-Ksol. Das sollte das Hochladen der Schulungsprogramme beenden. Doch was geschah hier? Es funktionierte nicht.


1) Palbertonta = arkon. Zeiteinheit, entspricht 8,511 terranische Minuten

2) Palsartonta = eine tausendstel Tonta = arkonidische Zeiteinheit, ca. 5 terranische Sekunden; terranisch auch: Millitonta!


Gehetzt sah sie auf Kerasor, der friedlich auf der Liege lag und nichts von der Katastrophe mitbekam.

Endlich stürmten drei Personen des technischen Personals herein und drängten sich um das Schulungsgerät, ihre Werkzeuge mit sich schleppend.

„Es fährt nicht herab, sondern lädt drei Programme gleichzeitig. Warum und wo immer diese Daten herkommen, ich habe keine Ahnung und es lässt sich nicht abschalten. Uns bleibt nichts anderes übrig. Ihr kappt die Energieversorgung, im selben Moment ziehe ich die Haube per Hand vom Kopf des Schlafenden.“

„Das ist aber lebensgefährlich …“, erwiderte der vorderste Techniker. Mit einer herrischen Handbewegung

unterbrach sie seinen Einwand.

„Ich kenne die Risiken, Fertan, fangt sofort an, sonst verbrennt sein Gehirn! Verdammt, die nächste Lektion läuft an!

Beeilung!“, rief sie ihm zu!

Ein Mann und eine Frau mit dem Yoner-Madrul-Abzeichen rannten in den Schulungsraum und führten eine schwebende Box mit sich.

„Gegen-Hypnoschock vorbereiten!“, rief sie ihnen zu. Im Laufen aktivierten die beiden die Box, die sich zu einer Liege ausklappte. Aus dem Kopfteil zogen sie eine kleine Haube, ähnlich der am Hypnoschulungsgerät.

Managora hielt die Haube in den Händen und sah zu den Assistenten. Diese hatten ihre Geräte an das Schulungsgerät angekoppelt. Nervöse Blicke auf die Anzeigen, das dritte Programm wurde soeben hochgeladen.

Aus ihren Augenwinkeln lief das wässerige Sekret der Aufregung.

„Seid Ihr so weit?“ Die Techniker nickten ihr zu. „Auf mein Kommando kappt Ihr die Energieversorgung!

Drei – zwei – eins – Jetzt!“ Im selben Augenblick zogen die Techniker das Energiekabel ab, entfernte Managora mit einem festen Ruck die Schulungshaube vom Kopf des Schlafenden. Im letzten Moment zuckten feine elektrische Entladungen um ihre Hände, die Haube und sprangen auf Kerasors Kopf über. Er riss irritiert die Augen auf und verlor das Bewusstsein. Sofort drängten die beiden Mediker die Leiterin zur Seite. Sie fixierten die Gegen-Hypnoschock-Haube auf Kerasors Kopf, aktivierten das Gerät und pegelten es ein. Auf dem Holo-Monitor zeigten sich wirre Linien in allen Farben. Während der Mediziner zwei Antischwerkraft-Bänder an dem bewusstlosen Körper befestigte, gab die Ärztin ihre erste Diagnose ab.

„Wir müssen ihn so schnell wie möglich an die KSOL der Medostation anschließen, der Schock scheint größer zu sein …!“

„Erledigt das, ich komme später vorbei“. Zu den Technikern gewandt, befahl Managora: „Das war nicht normal. Untersucht Gerät Vier auf unbefugte Eingriffe!“ Die Techniker nickten ihr zu. Sie kehrte zu ihrem Schaltpult zurück.

Dort aktivierte sie die interne Kommunikation, gab ihren Überrang-Kode ein um den Sicherheitsdirektor

Russark del’tiga Telkan direkt über das Geschehene zu informieren. Sie bekam nicht mit, wie die Mediker mit dem leblosen Kerasor auf der Liege den Schulungsraum verließen.

„Hier Managora Tibbeon! Es gab einen Vorfall im Hypnoschulungsraum und es sieht nicht gut aus! Der Raum bleibt fürs Erste gesperrt, internen Sicherheitsalarm geben.

Sofort!“

Verkrampft lehnte sie sich in ihrem Sessel zurück, schloss die Augen, massierte ihre Schläfen und versuchte sich, kurz zu entspannen. Sie wurde von einem der Techniker in ihrer Tätigkeit unterbrochen.

„Wir haben hier keinen unbefugten Zugriff auf die Hauptsicherung festgestellt. Um herauszufinden, ob sich jemand an dem Gerät zu schaffen gemacht hat oder ob es ein Programmierfehler war, bedarf es weitere Untersuchungen.“

„Schließen sie ihre Arbeit ab! Indoktrinator Vier und die Hauptstation wird hermetisch versiegelt. Unser Sicherheitsdienst wird die Einstellungen und die Eingabesiegel überprüfen.“

In diesem Moment stürmten bewaffnete Männer und Frauen in den Saal.

„Managora, was ist passiert?“ Sie sah den fragenden und erkannte Russark del’tiga Telkan, den Sicherheitschef von Varynkor. Hinter ihm stand Direktor Antor Agh’len Kolamir. Eine Vielzahl weiterer bewaffneter Sicherheitsleute sicherte den Zugang zum Schulungsraum und beobachteten die Anwesenden in der Abteilung.

Sie schilderte dem Direktor das Geschehen und die Worte des Cheftechnikers. Sie übermittelte die Aufzeichnungen, Russark hörte schweigend zu, aktivierte dann seinen Armkom.

Sek’athor Fertalian, kommt sofort mit ihrem Team in den Indoktrinatorraum. Spurensicherung und Untersuchung des Hypnoschulungsgerätes Vier und der Hauptkonsole!“ Er drückte ein weiteres Sensorfeld an seinem Armkommunikator.

„Sicherheit, wie ist der Status?“

„Es ist ruhig, keine verdächtigen Aktivitäten, Zdhopan 1)!“

„Gut, die Sofortsicherung bleibt für 48 Tontas aktiv. Sollte sich bis dahin nichts ereignen, steht die unsichtbare Dauersicherung bis auf Widerruf!“

Russark instruierte sein Sicherheitspersonal. Direktor Kolamir trat an Managora heran.

„Wie geht es Euch? Alles soweit in Ordnung?“

Sie nickte nur und stieß einen langen Seufzer aus. „Ich hoffe, dem Jungen ist nichts weiter geschehen. Ein Hypnoschock ist gesundheitlich bedenklich genug! Ich habe keine Ahnung, warum das geschah, und fühle mich schuldig!“

„Macht Euch keine unnötigen Gedanken, Russark hat alles im Griff. Gehen wir zur Medostation und fragen bei Thi-Laktrote Morvoner Gorduk nach.“

Managora nickte und stand auf. Zusammen verließen sie den Schulungsraum in Richtung Medoabteilung, die einen Stock tiefer lag. Antor fragte: „Wer war der Schüler?“

„Kerasor von Tamanar. Er holte sich freiwillig Lehrstoff, um besser auf die Aufnahmeprüfungen vorbereitet zu sein, erschien zweimal im Votan im Hypnoschulungsraum, immer am Abend und in seiner Freizeit. Die anschließenden Tests ergaben, er verarbeitete die Lernlektionen optimal. So einen Schüler habe ich selten.“

Antor nickte ihr zu. Nach einer Palbertonta erreichten sie die medizinische Abteilung


1) Zdhopan = respektvolle Anrede, bedeutet „Erhabene, Erhabener“


der Faehrl, der Leiter der Medoklinik der Faehrl, Morvoner Gorduk erwartete sie bereits.

„Morvoner, wie steht es um den Patienten?“, fragte der Direktor.

„Ich kann noch nichts sagen, es ist zu früh, Zdhopan. Der junge Mann liegt unter der Schockhaube.

Solange dieser Hypnoschock nicht abgeklungen ist, kann es schwierig werden. Wir haben ihn unter ständiger Beobachtung. Die Hauptmedo-Ksol ist angeschlossen und tastet das Gehirn des Patienten ab. Wir haben bisher keine zellulären Schäden gefunden, aber die psychische Sondierung zeigt ein schweres Trauma an.

Wie steht es um die geistige Stabilität des Thos’athors?“

Managora wandte sich ihm zu. „Kerasor ist widerstandsfähig und gefestigt, er sollte diesen Unfall eigentlich überstehen, hoffe ich. Aber Genaueres müsste Thi-Laktrote Gorduk demnächst erfahren.“

Sie sah, wie Antor nickte und hinter Morvoner an den Bildschirm trat. Dort rief der Mediker das physische,

das psychologische und das Zellaura-Profil des Anwärters auf und studierte es sorgfältig. Ein weiteres Trivid 1) aktivierte sich und die Medo-Ksol meldete: „Abtastung des Gehirns abgeschlossen. Es liegen keine zellulären Schädigungen vor. Die Messung der Zellschwingungsaura wird vorbereitet.“

Der Bauchaufschneider nickte. „Es ist gut, dass keine inneren Verletzungen aufgetreten sind. Nur ein paar Haare versengt, einige Brandblasen an der Kopfhaut, durch den Abzug der Haube verursacht, aber zu vernachlässigen.

Schwieriger ist der Schock. Wie geht es Euren Händen, Managora?“

Überrascht sah sie den Mediker an. „Mir geht es gut!“

Morvoner Gorduk trat an sie heran und nahm ihre Arme. Er zog sie nach oben und sah

ihre Hände an. Erst jetzt bemerkte sie die Verbrennungen. „Das wird verarztet! Linneer, übernehmt das!“

Sie wehrte ab, doch nach dem Blick des Direktors ließ sie den Mediker gewähren.

„Wie sind die Aussichten?“, fragte Antor nach.

Morvoner zeigte auf den Bildschirm der Zellauramessung und schob zwei verschiedene, sich laufend

verändernde Schwingungsmuster übereinander.

„Hier ist das blau eingefärbte Standard-Muster, aufgenommen bei seiner Ankunft. Darüber liegt die aktuelle Aufzeichnung in rot, hier seht Ihr die Unterschiede. Sein Gehirn ist momentan nur in zwei Sektoren aktiv.

Das sind die Zentren für Erinnerungen und Sprache. Die anderen Bereiche zeugen vom tiefen Koma, in dem er liegt.

Dort sind keine Aktivitäten zu sehen. Das ist typisch für einen Hypnoseschock. Die Heilung beginnt, wenn der Patient in ein Aktivkoma tritt, träumt oder aus seinem Leben berichtet. Das müsste innerhalb der nächsten acht Tontas 2)  geschehen. Bemerken wir keine Besserung, bleibt sein Geist mit hoher Wahrscheinlichkeit zerrüttet.

Es heißt jetzt abwarten und auf das Unterbewusstsein des Betroffenen setzen.“

„Kann das beschleunigt werden?“.

„Nein, leider nicht. Die Heilung wird schon von der Regenerationshaube und der angeschlossenen Haupt-KSOL

angeregt, das Unterbewusstsein muss mitarbeiten. Bisher zeigten die Anregungsimpulse keine Wirkung. Aber wie ich schon sagte, das ist


1) Trivid = holografischer Bildschirm für 3-dimensionale Anzeigen

2) Tonta = arkonidische Stunde zu 1,4185 terranischen Stunden


normal und kann einige Tontas dauern. So lange sind uns die Hände gebunden.“ Der Direktor nickte zustimmend.

„Kümmern Euch mit Vorrang um ihn und haltet mich über seine weitere Genesung auf dem Laufenden.“

„Selbstverständlich, Erhabener.“ Morvoner wandte sich wieder dem Patienten zu. Seinen beiden Mitarbeitern befahl er: „Bereitet alles für die Aktivphase vor. Dreimal 10 Milligramm Ossena-46 vorbereiten, beim ersten Aktivimpuls injizieren.“

Der Direktor drehte sich von den Ärzten weg und wandte sich Managora zu, die nervös zu ihm aufsah. Ein Blick auf ihre Hände zeigte, dass sie mit Heilplasma überzogen waren.

„Wir werden den Hypnoschulungsraum für vier Pragos1 sperren. Die Geräte werden gewissenhaft untersucht und überprüft. Dieser, ich wage mich weit vor und sage ‚Sabotageakt‘ zeigt uns, dass wir trotz aller Absicherungen angreifbar sind. Managora, Ihr nehmt Euch frei, bleibt aber in der Akademie und haltet Euch zur Verfügung. Ich begleite Euch noch zu Eurem Appartement.“

Sie nickte, stand auf und verließ zusammen mit dem Direktor das Medozentrum der Raumakademie.


Morvoner Gorduk

Tarman 30, 14.595 da Ark

Der Direktor der Medoklinik der Raumakademie stand breitbeinig mit verschränkten Armen vor der zweieinhalb Kwars hohen Holowand und starrte in die holografische Überwachungsanzeige. Ab und zu wanderten seine Augen auf das VOT, das den Anbruch der zehnten Tonta des neuen Pragos anzeigte. Der Patient lag seit 48 Tontas in einem tiefen Koma.

Bisher hatte sich dessen Zustand nicht verändert. Besorgt studierte er die medizinisch-holografischen Anzeigen, ab und zu rieb seine Linke unbewusst an der fein gearbeiteten Kette um seinen Hals, die die drei handgroßen Platten verband. Es handelte sich dabei um das Yoner-Madrul-Abzeichen aus Cholitt, Symbol aller Bauchaufschneider des Tai Ark’Tussans 2), dass seine Brust zierte. Die Schockhaube arbeitete zuverlässig und überwachte die Gehirntätigkeit des Patienten.

Die chaotischen kugelförmigen Muster im Holobildschirm zeugten von keinerlei Anzeichen eines bewussten Denkens. Patienten, die während einer Indoktrinator-Schulung einen Hypnoschock erlitten hatten


1) Prago = arkonidischer Tag = 28,37 terranische Stunden.

2 )Tai Ark’Tussan = das große Imperium von Arkon


waren die schwierigsten Patienten überhaupt, ein Alptraum für jeden Yoner-Madrul. Es konnte nur schwer eingeschätzt werden, mit welcher Behandlung eine Genesung gelingen würde. Wie stark war das Zhy in Mitleidenschaft gezogen, wie schwer die Erinnerungszentren beschädigt und in wieweit waren anderen Bereiche des Gehirns beeinträchtigt?

Genau das war das Problem. Es galt, die winzigen Anhaltspunkte zu finden, an denen man mit einer Genesung ansetzen konnte. Diese Eigenheiten waren nicht vorhersagbar. Der Betroffene musste laufend überwacht werden.

Bei jeder Änderung hatte der Bauchaufschneider zu reagieren. Im aktuellen Fall kümmerten sich die erste Yoner-Madrul-KSOL-Moas und er selbst um den Patienten. So blieb ihm nur eine altbewährte Methode, den Hypnoseschock zu lindern. Das aufgepfropfte Wissen, das im Gehirn und im Unterbewusstsein eingelagert war, wurde entfernt. Die Schwierigkeit war die Eingabe mehrer Lerneinheiten zugleich. Der Indoktrinator hatte durch eine Fehleinstellung drei weitere Lektionen zeitgleich übertragen, darunter komplexe Themen, die sonst nur Extrasinn-Trägern vorbehalten waren. Dies und die mit der Hand abgezogene Schulungshaube hatten zum Hypno-Schock geführt.

Seit der Einlieferung des Patienten in die Medo-Klinik wurde ihm ein Gospaun 1) über den Kopf gestülpt, ein feines Kristallnetz aus 5-D-Schwingkristallen. Das Gonpaun wirkt zuerst gräulich. Während die betroffenen Hirnregionen in schwacher Hyperstrahlung gehüllt wurde, aktivierte sich das Netz von Hunderten kleinster Howalgon-Splitter und schillert seitdem in allen Regenbogenfarben. Auf diese Weise werden die gespeicherten Lektionen nach und nach herausgelöst. Weiterhin wurde der Kopf von der durchsichtigen Gegenschockhaube eingehüllt. Laufende Messungen mit einer Tomografie-KSOL, gekoppelt mit EEG-Scanner und 5-D-Sensorik wurden zeitgleich in die Holowand übertragen. Inzwischen zeigte es an, dass alle indoktrinierten Daten entfernt waren. Die gewünschten Lektionen wie die aufgedrängten.

Dennoch, warum reagierte sein Patient nicht? Was hatten er und sein Yoner-Madrul-Team übersehen? Er rief zum wiederholten Male den aktuellen Stand des Gehirnwellendetektors auf und sah sich dessen dreidimensionale Muster an: Es war nicht aktiv genug. Die Anzeigen sagten, dass die Gehirnaktivitäten langsam erloschen. Im Gegensatz dazu lagen die Vitalanzeigen des gesamten Körpers im grünen Bereich. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Morvoner seufzte und öffnete in der Trividwand die Datei ‚50-Tonta-Regel: Behandlung nach Hypnoseschocks und dem Nichterwachen aus dem Koma‘. Diese Datei war über 10.000 Tai-Votanii alt und enthielt 34 Artikel zur ärztlichen Behandlung von Hypnoschockpatienten.

Sie stammten von dem berühmtesten aller Bauchaufschneider, Mantar da Monotos, Schon damals wurden alle Eventualitäten abgehandelt und entsprechende Vorgehensweisen akribisch beschrieben.


1) Gospaun = feines Kopfnetz aus Hyperkristallen. Wird bei / mit Hypnosebehandlungen eingesetzt. Ursprünglich in den Anfangszeiten des Imperiums (ca. 4.00 da Ark) Schutz vor den VeCoRat. Von Mantar da Monotos entwickelt.


Doch worauf dieser immer wieder verwies, war das Einfühlungsvermögen des Yoner-Madrul. Diese Art der Diagnose war heutzutage bei den Bauchaufschneidern des Imperiums verpönt. Viele verachteten die Yoner-Madrul, die sich von ihrem Unterbewusstsein und von den Lehren Monotos leiten ließen. Kein Wunder, dass sich um Hilfe Suchende nach anderen Ärzten umsahen und sich in diese Lücke die Aras schoben. Ein neues Volk, das sich seit einem Tortai-Votan 1) mit medizinischen Fähigkeiten rühmte, regen Zulauf bekam und sich dabei auf die Lehren des großen Mo beriefen.

Der ehrenvolle Titel Bauchaufschneider wurde immer mehr zu einem herablassenden geflügelten Wort. Morvoner rang mit sich selbst. Keiner dieser 34 Artikel beschrieb, was hier und jetzt mit seinem Patienten geschah.

Er setzte sich in den Kontursessel des Überwachungsbüros, lehnte sich zurück, fand aber keine Ruhe und sah wieder auf das VOT. Noch eindreiviertel Palbertontas, dann war die Fünfzig-Tonta-Grenze überschritten. Danach würde es mit jeder Tonta schwieriger werden, den Patienten am Leben zu erhalten. Sollte er es riskieren?

Als Thi-Laktrote 2) hatte er volle Handlungsfreiheit im Hospital der Raumakademie, das vier Ebenen im Zentralkhasurn belegte. Sein Einzugsbereich umfasste die gesamte Raumakademie und darüber hinaus, wenn es die Gesundheit aller Lebewesen betraf. Jeder Krankheitsverlauf wurde bis ins Detail von den 12 medizinischen Yoner-Madrul-KSOLs dokumentiert, Todesfälle musste er mit den beiden Direktoren vor der Akademiehauptverwaltung im Thektran auf Arkon III rechtfertigen.

Deshalb liefen bei allen Patienten die Aufzeichnungsgeräte. Aus dem Augenwinkel bemerkte er Bewegung hinter sich, was ihn vom Grübeln ablenkte. Ein Anwärter, ein Arki, wurde hereingebracht und aus den Gesprächsfetzen, die er aufschnappte, ging hervor, dass dieser sich bei Dagorübungen übernommen hatte. Zu hitzig war deren Begegnung und so wurde ihm der linke Unterarm gebrochen. Das erledigten seine Heiler und Pfleger bravourös. Elle und Speiche ausrichten, mit einer Heilmanschette fixieren und das Heilungsserum an die Wunde spritzen. Drei oder vier Pragos Aufenthalt in der Yoner- Madrul-Klinik, einen Berlenprag lang keinen Sport, danach waren die Knochen wieder zusammengewachsen.

Er war stolz auf sein fähiges Personal. Hier arbeiteten nicht nur Veteranen der Raumflotte, sondern auch Frauen und Männer von Varynkor. Jeder Prago brachte mindestens ein Dutzend verletzte Anwärter und Thos’athors, sie waren hier sehr beschäftigt.

Morvoner widmete sich wieder seinem Patienten und rang weiter mit sich. Den Aufzeichnungen der Yoner-Madrul-Gilde und Mantar da Monotos Berichten nach wurden drei Methoden empfohlen, um Schockpatienten aus dem Koma zu holen. Doch jede Methode zog Komplikationen nach sich und forderten ihren Preis.


1) Tortai-Votan(ii) = Jahrhundert(e)

2) Thi-Laktrote = Titel eines Großmeisters, ähnlich eines terranischen Professors


Bei den Berichten der Goltein-Heiler sträubten sich seine Nackenhaare, lief es ihm kalt den Rücken hinab. Deren Heilungsversuche waren barbarisch, basierten auf dem Aspekt, was den Patienten nicht umbringt, mache ihn nur härter und wenn sie die „böse“ Energie aus dem Zhy entfernen, wird dieser wieder gesund. Funktionierte eine Methode nicht, wurde die nächste ausprobiert. Selbst bei einer Chance von 50 zu 50 oder weniger, schworen die Goltein-Heiler auf ihre Behandlungen. Ohne Rücksicht auf Nebenwirkungen und gravierende Folgen für die Gesundheit des Patienten. Er stand auf und schritt wieder rastlos durch sein Büro. Da kam ihm eine Idee.

„YM-KSOL-Moas: Erneute Diagnose Patient Kerasor!“

Ein paar Geräte fingen an, leise zu summen, nach wenigen Augenblicken änderten sich die Anzeigen im Holo nur marginal.

„Keine Besserung des Zustandes in Aussicht. Empfehle Fixierung in einer Hyperstasis!“

„Hmm…“, meinte er und überlegte eine Zeit lang. „Zeige mir eine Zusammenfassung der Gehirnwellenaktivitäten und von wo sie im Gehirn ausgehen – seit seiner Einlieferung.“

Im Hologramm fuhr der Film ab. Es zeigte das Gehirn als durchsichtige Masse und die Aktivitäten in allen Hirnbereichen in einem Zeitraffer.

„Stop, anhalten“, befahl er der YM-KSOL-Moas. Er griff in das Holo und vergrößerte einen kleinen Bereich hinter dem rechten Schläfenlappen.

„YM-KSOL-Moas, verbinde mich mit Kandran Liopan.“ Seine Gedanken schweiften kurz ab. Kandran war ein Ara, einer der neuen „Art“ Bauchaufschneider im Ark’Tussan, die diesen Titel kategorisch ablehnten. Dessen Arbeiten hatten sie zusammengebracht, da beide ähnliche Gedankengänge bevorzugten. Er konnte ihn zweimal persönlich treffen und war überrascht, wie beweglich dessen Geist war. Er behandelte alle gleich, egal ob adliger Arki, Essoya, Braas’cooi oder andere. So hatte er Kandran schon von Anfang an in diesem Fall mit einbezogen.

Er wandte sich wieder der letzten Holo-Datei zu. ‚Vergaton-Wes‘, blitzte es in seinen Gedanken auf. Bevor er sich weiter damit befassen konnte, unterbrach ihn ein Hyperfunkrufzeichen, er nahm mit einem Handzeichen das Videogespräch an. In seiner Trividwand öffnete sich ein neues Fenster.

Der dürre Ara sah ihn lächelnd an. „Hallo mein Freund. Wie ich sehe, hat der Große Mo uns beflügelt. Zwei Dumme ein Gedanke und das über diese Entfernung!“

Auf den fragenden Blick des Yoner-Madrul-Laktroten schob der Anrufer ein Holo zu ihm hindurch: Es war derselbe Film der Gehirnwellenaktivitäten mit einem durchsichtigen Gehirn.

„Ja“, meinte Morvoner erstaunt, „dieses Video zeigt, dass von diesem kleinen Hirnbereich keine Aktivitäten ausgehen. Entweder ist dieser Sektor abgestorben, was die Medo-KSOL nicht bestätigen kann …“.

„… oder jemand hat hier einen extrem guten Hypnoblock platziert. So eine Arbeit kenne ich nur von Spezialisten der TU-RA-CEL!1“, vollendete er den Satz seines Gegenübers.erwartungsvoll an.


1) TU-RA-CEL = der größte arkonidische Geheimdienst


„Dieser Block ist die Ursache, warum es keine Besserung gibt.“

„Mir ist dazu ein Gedanke gekommen. Hast Du Vergaton-Wes? Wir benötigen eine tausendstel Einheit. Direkt in die Halsschlagader am Hals, eine halbe Palbertonta abwarten, bis das Medikament sich im Gehirn verteilt hat, anschließend eine einzige stehende Frequenzwelle der Indoktrinator-Stufe 12 abstrahlen!“. Kandran sah ihn erwartungsvoll an.

„Das könnte funktionieren. YM-KSOL-Moas, kalibriere den Indoktrinator auf Stufe 12 und bereite Abstrahlung einer Amplituden-Welle vor. Kandran Liopan, deine Idee ist genial.“

Doch der Ara winkte ab. „Wir hatten beide diese Eingebung. Es war nur eine Frage der Zeit. Dennoch müssen wir uns beeilen, das Zhy des Patienten verflüchtigt sich langsam aber sicher. Bitte starte den Versuch.“