Begegnungen (Tartor 14.597 d. A.) – Teil 2

Wenige Palbertontas später, Merida hatte den Besuch des unbekannten Khasurnoberhauptes schon wieder verdrängt, erschien ihre Fama Adara im zentralen Aufenthaltsraum und blieb in der geöffneten Tür stehen.

„Merida, kommst du bitte einmal? Dein Karan und ich haben mit dir etwas zu bereden.“

Merida sah überrascht von ihrer KSOL auf und wollte fragen, was denn so wichtig wäre, aber ihre Fama hatte sich bereits umgedreht und war gegangen, hatte aber die Tür offen stehen gelassen. Merida sah Utaiy fragend an, stand aber auf und folgte ihrer Fama. Sie beeilte sich, sie einzuholen…

Als Merida vor ihrer Mutter in den elterlichen Wohnbereich eintrat, sah sie ihren Karan auf der Couch sitzen und sie aus unergründlichen Augen ansehen. Nachdem ihre Fama die Tür geschlossen hatte, ging sie an Merida vorbei und setzte sich neben ihren Karan. Merida hatte ein ungutes Gefühl im Magen.

„Ist etwas geschehen?“ fragte sie.

Ihre Eltern sahen sich kurz an, bevor ihre Fama auf einen Sessel deutete. „Bitte setze dich“.

Merida nahm Platz, während sich ihr Magen weiter verknotete.

Adara holte Luft, bevor sie anfing zu sprechen.

„Es ist tatsächlich etwas ‚geschehen‘. Du erinnerst dich, was vor einigen Pragos im Khasurn der Zhalyemor vorgefallen ist?“

Merida schüttelte langsam den Kopf. Sie wusste, dass sie mit einer Freundin dort war, aber an Einzelheiten konnte sie sich nicht mehr erinnern.

Adara nickte nur leicht den Kopf. Sie hatte damit gerechnet, genauso wie ihr Karan Onuk, der ein verbissenes Gesicht machte.

„Wir haben damit gerechnet, Merida, das du dich nicht mehr daran erinnern kannst. Wir sind es mittlerweile gewohnt, dass du Empfänge dazu benutzt, zuviel dem Alkohol zuzusprechen.“ Die Stimme ihrer Fama war leise geworden und klang enttäuscht. Aber nur für wenige Augenblicke, dann sah diese sie direkt an und ihre Stimme wurde anklagend.

„Du hast einflussreiche Freunde von Khasurnführer Agh'moas Zhalyemor beleidigt. Durch deinen Faux-Pas hat er uns, dem Khasurn gedroht, alle Verträge zu kündigen. Du weißt, was das bedeutet?“

Merida war bestürzt. Sie konnte sich nicht daran erinnern, so etwas getan zu haben. Sie musste zugeben, dass sie die Tragweite nicht abschätzen konnte, da sie nicht in alle wirtschaftlichen Zusammenhänge des Khasurns eingeweiht war.

Daran, das Merida nicht antwortete, sondern nur schuldbewusst zu Boden blickte, erkannte Onuk, das die Frage von Adara mit einem klaren Nein zu beantworten war.

Onuk beugte sich etwas nach vorne und sagte: „Deine Fama und ich sind uns bewusst, das du nicht alle Zusammenhänge überblicken kannst, wer mit wem in welchen wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Beziehungen steht. Aber was wir erwarten können, ist, dass sich alle oberen Khasurnangehörigen zumindest an die gesellschaftlichen Regeln halten. Leider hälst du dich nicht daran. Und der Vorfall im Khasurn der Zhalyemor ist nur einer in einer langen Kette von unliebsamen Zwischenfällen, die unserem Khasurn auf die Dauer schaden.“

Merida bekam einen roten Kopf. Sie erinnerte sich vage an einige Vorfälle, bei welchen ihr Karan hinterher mit den jeweiligen Khasurnführern hatte sprechen müssen. Und dass sie diverse ‚Strafen‘ erhalten hatte.

Ihre Fama legte eine Hand auf den Arm von Onuk, als Zeichen, das sie weiter sprechen wolle.

„Dein Karan und ich haben immer wieder versucht, dich durch Ausgehverbote, Geldentzug und andere Massnahmen dazu zu bringen, dich vernünftiger und reifer zu verhalten. Aber mittlerweile hast du mit deinem Verhalten einen Punkt überschritten, der für uns, für den Khasurn existenzbedrohlich wird. Darum sind wir der Meinung, das eine Frau mit 21 Tai-Vothanii endlich lernen muss, Verantwortung zu übernehmen.“

Meridas Kopf wurde noch röter und ihre Augen fingen an zu tränen. Sie fühlte sich wie ein Kind, das dabei ertappt wurde, als es unerlaubt in einen Honigtopf griff. Sie konnte die Enttäuschung ihrer Eltern verstehen. Was mochten ihre Eltern jetzt mit ihr vorhaben?

„Ich verstehe eure Enttäuschung. Wirklich! Aber ich habe nie absichtlich zuviel getrunken, das müsst ihr mir glauben“ sagte sie leise. „Was habt ihr euch vorgestellt? Soll ich mich in ärztlicher Behandlung begeben?“

Ihre Eltern warfen sich gegenseitig einen Blick zu. Bevor Onuk anfangen konnte zu sprechen, erwiderte ihre Fama: „Ein interessanter Gedanke, Merida. Aber leider würde es nur deine mögliche Alkoholabhängigkeit beheben, aber nicht dafür sorgen, dass du Verantwortung übernimmst. Nein, versuche, etwas radikaler zu denken!“

Merida sah ihre Eltern fragend an, aber ihr fiel keine ‚radikale‘ Idee ein, die dafür sorgen konnte, mehr Verantwortung zu übernehmen. Zumindest keine Idee, die ihre Eltern akzeptieren würde. Nach einigen Palsartontas machte sie mit ihren Händen eine rat- und hilfslose Geste.

Sie sah, wie sich ihr Karan leicht ungeduldig auf der Couch bewegte.

Onuk ging das Gespräch viel zu langsam voran. Er war es nicht gewohnt, Entscheidungen lange hinaus zu zögern, aber in dieser Angelegenheit überliess er seiner Frau die Vorgehensweise, da sie im allgemeinen innerhalb des Khasurns eher die Führungsrolle übernahm, was khasurninterne Entscheidungen betraf.

Und wieder antwortete Adara, bevor Onuk etwas sagen konnte.

„Hast du schon einmal daran gedacht, zu heiraten? Eine Familie zu gründen?“

Merida war überrascht. ‚Heiraten?‘ fragte sie sich. ‚Sicherlich, in der Vergangenheit gab es den einen oder anderen Mann, der ihr Gefallen hatte, aber nie hatte sich daraus etwas Langfristiges ergeben. Und derzeit kannte sie niemanden, der möglicherweise ihr Herz erobern konnte‘.

„Dazu müsste ich ja erstmal jemanden kennen- und liebenlernen, der mich interessiert.“

Ihre Fama nickte. Sie hatte mit einer ähnlichen Antwort gerechnet, darum antwortete sie: „Dein Karan und ich sehen es genauso. Daher haben wir uns umgesehen und haben tatsächlich einen geeigneten Kandidaten für dich gefunden. Wir sind wirklich glücklich, das wir dir helfen konnten.“

Merida traute ihren Ohren nicht. Vor wenigen Palbertontas noch hatten ihre Eltern ihr, wenn auch berechtigt, Vorhaltungen gemacht und jetzt präsentierten sie ihr einen Ehemann.

„Da habe ich ja wohl auch noch ein Wort mitzureden“ erwiderte Merida erregt.

Adara schüttelte leicht ihren Kopf. „Das war keine Bitte, Merida. Die Entscheidung ist bereits gefallen. Heute Nachmittag hast du den Karan deines zukünftigen Mannes kennengelernt.“

Meridas Gesicht verlor ihre Farbe. Zuerst sprachlos vor Überraschung, dann vor Wut, starrte sie ihre Eltern an. „Das ist nicht euer Ernst! Ihr erlaubt euch einen schlechten Scherz mit mir, nicht wahr?“ presste sie zwischen den Lippen hervor.

„Wir mussten eine Entscheidung treffen, Merida. Und zum Wohle des Khasurns als auch für dich ist es am besten, wenn du heiratest.“ erwiderte Onuk, der endlich einen Schlussstrich ziehen wollte.

„Nein!“ sagte Merida leise. Gleich darauf schrie sie laut: „Nein. Niemals!“ Ihre Augen wurden feucht und erste Tränen liefen ihr über das Gesicht. Ruckartig stand sie auf und schrie mit wütender, fast überschlagender Stimme: „Niemals!“. Weinend lief sie aus dem Wohnbereich ihrer Eltern.

„Musstest du dich jetzt einmischen?“ fragte Adara zornig ihren Mann. „Ich hatte Merida fast soweit, das sie eine Hochzeit als Chance für sich selbst freiwillig akzeptieren würde, aber du konntest dich ja wieder einmal nicht zurückhalten!“ Wütend auf Onuk stand Adara auf und verließ ebenfalls den Wohnbereich.

Onuk stöhnte innerlich auf. Jetzt hatte er zwei Frauen in der Familie, die nicht gut auf ihn zu sprechen waren. ‚Hätte ich nur meinen Mund gehalten!‘ sagte er zu sich selber, bevor auch er aufstand und den Wohnbereich ebenfalls verließ.

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