Begegnungen (Tartor 14.597 d. A.) – Teil 2


Einen Augenblick später erschien das Familienwappen der ‚de Atkalon‘ auf dem Monitor. Er musste warten, dann verschwand das Wappen und ein älterer Arki blickte Onuk an.

„Khasurnführer Onuk de Ariga. Ich bin erfreut, Euch nach langer Zeit wieder zu sehen.“

Onuk nickte freundlich lächelnd seinem Gegenüber zu und sagte: „Leider rufe nicht aus geschäftlichen Gründen an, sondern aus privaten Gründen.“

„Private Gründe?“ wiederholte sein Gesprächspartner und sein Gesicht drückte Verwunderung aus.

„Ich habe vor kurzem eine wichtige Entscheidung für den Khasurn gefällt, die meiner Tochter Merida missfällt. Bedauerlicherweise hat sie dabei die Regeln vergessen und ist bei einer ihrer Freundinnen zu Besuch. Sollte sich meine Tochter also bei Euch im Khasurn aufhalten, wünsche ich, das sie aufgefordert wird, wieder in unseren Khasurn zurück zukehren. Und zwar umgehend.“

Sein Gesprächspartner hatte mit Interesse zugehört. „Ich verstehe. Wartet, das lässt sich sofort feststellen.“ Khasurnoberhaupt de Atkalon trat etwas vom Monitor zurück. Wenige Augenblicke später trat er wieder zum Monitor und sagte: „Ich bedaure, aber Eure Tochter Merida befindet sich nicht in unserem Haus. Sollte sie bei uns erscheinen, so werde ich Euren Wunsch gerne nachkommen.“

„Ich danke Euch für Euer Verständnis, und lebt wohl.“ verabschiedete sich Onuk von seinem Gesprächspartner und beendete die Verbindung.

„Die nächste Verbindung zum Khasurn ‚de Darkintan‘ steht“ teilte die Positronik mit.

Die folgenden Gespräche verliefen mehr oder minder gleich, aber bei keinem der Khasurne war seine Tochter anwesend. So langsam zweifelte Onuk, ob er die richtige Strategie verfolgte und seine Tochter nicht vielleicht einen ganz anderen Plan verfolgte als er annahm.

„Die letzte Verbindung wird hergestellt‘ teilte die Khasurnpositronik mit.“

Wieder dauerte es nur einen Augenblick, bis die Verbindung hergestellt war und mit dem Khasurnoberhaupt sprach. Er wiederholte seine Worte und richtete sich bereits darauf ein, wieder eine negative Mitteilung zu erhalten, als sein Gesprächspartner, Aughar de Zoltral, erwiderte: „Eure Tochter Merida ist tatsächlich Gast in unserem Khasurn. Sie traf hier gestern Mittag ein. Wir saßen gerade beim Frühstück, als Euer Anruf kam.“

Onuk spührte Erleichterung in sich aufsteigen, dass er seine Tochter doch noch gefunden hatte. Andererseits musste er unmissverständlich gegenüber Aughar de Zoltral zum Ausdruck bringen, dass seine Tochter aus dem Khasurn der ‚de Zoltral‘ ausgewiesen werden musste.

„Ich wünsche, dass Eure Gastfreundschaft, die ihr meiner Tochter gewährt, noch heute endet. Sie muss endlich einsehen, dass sie ihre Wünsche hinter dem Wohl des Khasurns zurück stellen muß. Ich hoffe, Ihr versteht das als Khasurnoberhaupt!“

Aughar de Zoltral nickte ihm zu und erwiderte: „Ich verstehe Euren Standpunkt. Eure Tochter wird noch heute unseren Khasurn verlassen.“

„Ich danke Euch“ erwiderte Onuk und beendete die Verbindung. Er drehte sich langsam um zu seiner Frau Adara, die ihn erleichtert ansah.

Er stand auf und setzte sich ebenfalls in einem Sessel vor seinem Schreibtisch, direkt neben Adara, nahm eine Hand von ihr in seine Hände und sagte: „Merida wird zurückkommen. Es kann allerdings noch etwas dauern. Mit Sicherheit wird sie versuchen, bei einer ihrer anderen Freundinnen unter zukommen. Aber das ist jetzt nicht mehr möglich.“ Onuk machte eine kurze Pause, bevor er mit grimmiger Stimme fortfuhr: „Wir können diesen Affront uns gegenüber nicht durchgehen lassen, damit ist jetzt Schluss. Ab sofort wird sie den Khasurn nur mit unserer Genehmigung verlassen und alkoholische Getränke bekommt sie nur, wenn wir dem zustimmen.“

Adara nickte stillschweigend als Zustimmung.

„Wir werden Merida gegenüber nicht auf diesen Vorfall eingehen und ihr Vorhaltungen machen. Du kennst sie. Wenn wir ihr Vorhaltungen machen, wird sie verstockt reagieren und erst recht nicht mehr zugänglich sein. Und ich will, dass die Eheschließung halbwegs angenehm zwischen ihr und Charrut verläuft. Dazu muss sie es selbst wollen.“ Onuk machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr: „Das wird deine Aufgabe sein. Ich habe demnächst wichtige Geschäfte zu tätigen und außerdem muss ich die Khasurnführer, die ich eben angerufen habe dazu bringen, über den heutigen Vorfall den Mantel des Schweigens zu legen. Es reicht schon, das alle wichtigen Khasurne bei Merida als potentielle Ehepartnerin abgewunken haben. Ich will nicht, das jetzt wegen Meridas Khasurnflucht Gerüchte in Umlauf kommen.“

* * *

Nach dem Gespräch mit Onuk de Ariga kam Aughar de Zoltral ins Grübeln. Seine Tochter Lordeni hatte, ob sie es wusste oder nicht, ein Problem in den Khasurn gebracht. Entschlossen stellte er über seinen Armbandkommunikator eine Verbindung zu Khasurn-Sicherheitschef Norec Ranan her.

„Zhdopandel, Sie wünschen?“

„Ich erwarte zwei weibliche Sicherheitsoffiziere in fünf Palbertontas in unserem Speisesaal. Unser Gast Merida de Ariga wird den Khasurn verlassen.“

„Wie Ihr wünscht, Zhdopandel.“

Aughar verließ sein Arbeitszimmer und ging zurück in den Speisesaal. Es waren noch alle anwesend, seine Tochter Lordeni unterhielt sich intensiv mit Merida.

Pünktlich betraten zwei weibliche Sicherheitsoffiziere den Raum und blieben in der Nähe von Merida stehen. Die Gespräche verstummten und seine Tochter Lordeni sah ihn fragend an.

„Ich hatte vor wenigen Palbertontas ein Gespräch mit Onuk de Ariga. Wir sind übereingekommen, das Merida de Ariga nicht länger unser Gast sein kann.“ Aughar sah Merida direkt an: „Ihr habt eine halbe Tonta Zeit, den Khasurn zu verlassen. Die Sicherheitsoffiziere werden Euch begleiten und dafür sorgen, das Ihr den Weg zum Gleiterdeck nicht verfehlt!“ Er nickte der Khasurnsicherheit zu und diese traten an Merida heran.

Mit blassen Gesicht stand Merida auf und wurde von den Sicherheitsoffizieren in die Mitte genommen und gemeinsam verließen sie den Speisesaal.

Seine Tochter sah ihn mit großen Augen an und wollte etwas sagen, aber er hob gebieterisch die Hand: „Kein Wort! Ich weiß nicht, was deine Freundin Merida dir erzählt hat, aber sie hat sich gegen den Willen ihrer Eltern gestellt. Ihr Vater und ich hatten vor wenigen Palbertontas ein Gespräch von Khasurnoberhaupt zu Khasurnoberhaupt. Ich bin nicht gewillt, Aktionen und aufrührerische Handlungen in irgendeiner Weise zu unterstützen, die gegen das Wohl des Khasurns sind. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen!“

Wütend stand Lordeni auf und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum, um Merida hinterher zu eilen.

* * *

einige Pragos später – Anfang Tedar 14.598 da Ark – Spätabends

Arano und seine Frau Isandra saßen in einem vornehmen Restaurant im Zentrum von Tanshim, der Hauptstadt von Ariga und warteten auf ihre Kontaktperson. Arano hatte es nach einiger Zeit geschafft, über Yardi de Eldarim, einen Bekannten, einen Termin mit der Person zu bekommen, die Kontakte zwischen dem Adel und der geheimnissvollen TDA herstellen konnte. Es war nicht leicht gewesen: Hier und da einige Bemerkungen und Andeutungen fallen lassen, ohne sich dabei als TDA-Anhänger oder Sympathisant bloß zu stellen.

Die Bedienung brachte ihnen die bestellten Getränke, während Arano sich verstohlen umsah. Er war noch nie in diesem Restaurant gewesen, obwohl es einen guten Ruf hatte. Er sah an Tischen einzelne Personen sitzen, an der überwiegenden Mehrzahl der Tische saßen aber zwei oder mehrere Personen, die sich unterhielten. Wie es sich für ein gehobenes Etablissement gehörte, bekam er kein Gespräch mit; schallschluckende Isolationsfelder verhinderten dies.

Die Zeit verging. Isandra sah Arano an und meinte: „Das war wohl nichts. Wir warten bereits seit einer Tonta, dass die Kontaktperson auftaucht. Dein Bekannter hat sich wohl einen schlechten Scherz erlaubt“.

Arano warf einen kurzen Blick auf sein Vot und erwiderte dann: „Vermutlich hast du Recht. Laß uns bezahlen und dann gehen wir.“. Er holte seinen Ident-Chip heraus, um die Getränke zu bezahlen, als plötzlich eine männliche Person vor ihrem Tisch stand. Arano sah ihn überrascht an. Er erkannte auf den ersten Blick die sportliche Figur des Fremden, die Muskeln seines durchtrainierten Körpers zeichneten sich unter der Kleidung ab. Das Alter des Fremden schätzte er auf ungefähr 45 Tai-Vothanii. Und es war ein reinrassiger Arki, der vor ihnen stand. Wenn er sich nicht täuschte, hatte er diese Person vorhin an einem Tisch alleine sitzen sehen.

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