Begegnungen (Tartor 14.597 d. A.) – Teil 2

11. Prago to Dryhan 14.598 da Ark

Das Ortungsgerät des Raumjägers gab ein akustisches Signal ab. Er warf einen Blick auf das Display, das ihm die tief in den Felsen des Asteroiden gelegene alte und vor langer Zeit aufgegebene Ortungsstation abbildete. Nur kurz ging ihm die Frage durch den Kopf, wie lange er schon nicht mehr hier war, seitdem er das letzte mal an einem ‚nicht genehmigten‘ Raumrennen teilgenommen hatte. Durch seine alten Kontakte zu der Gruppe, die die Raumrennen veranstalteten, hatte er sich einen dieser alten, von der Flotte ausgemusterten Raumjäger für einige Zeit ausleihen können. Aber er verwarf gleich wieder den Gedanken. Unwichtig! Er war nicht hier, um in Sentimentalitäten zu schwelgen, sondern um sich mit dem Mörder von Onista zu treffen. Er drückte die Sendetaste und der ihm bekannte Öffnungscode wurde ausgesandt. Kurz darauf erkannte er am Ortungsbild, dass sich der Hangar öffnete.

Wenige Palbertontas später bremste er den Raumjäger ab und schwebte mit geringer Geschwindigkeit in den Hangar ein. Direkt neben einem ihm unbekannten Beiboot setzte er den Raumjäger auf und deaktivierte die Schiffsysteme. Der Mörder wartete also bereits!

Nach dem Aussteigen begab er sich in die Luftschleuse und wartete den Druckausgleich ab. Erst danach konnte er den Helm des Raumanzugs öffnen und die etwas abgestandene Luft einatmen. Mit unterdrückter Wut stapfte er in Richtung des Aufenthaltsraums.

* * *

Er trat in den Aufenthaltsraum und blieb überrascht stehen, als er eine Frau erkannte. Damit hatte er nicht gerechnet. Langsam schritt er voran, während sich hinter ihm das Schott schloss. Er setzte sich ihr gegenüber und sah sie fixierend an. In seinem Gesicht zuckten einige Muskeln, als er an Onista denken musste, die er geliebt hatte und die jetzt Tot war. Ihm gegenüber saß die Frau, die vorgab, alle seine Fragen beantworten zu können.

„Steht unser Abkommen noch?“ fragte sie kalt.

„Selbstverständlich. Ich stehe zu meinem Wort. Nach unserem Gespräch können Sie durch dieses Schott gehen…“, er deutete mit einer Kopfbewegung auf das Schott, durch das er gerade den Raum betreten hatte, „…und werden an einem sicheren Zufluchtsort gebracht. Aber zuvor…“ antwortete er mit einer rauen Stimme, die nicht seine zu sein schien, aber seine Wut und Haß durchklingen ließ, „…will ich den Speicherkristall mit allen Informationen und alles wissen! Versuchen Sie erst gar nicht, es zu leugnen. Für mich sind Sie die Mörderin von Onista und ihrer Schwester!“

Sie sah ihn eine Weile an, bevor sie zustimmend nickte und ohne Regung sagte: „Ja, Sie haben Recht!“. Anschließend holte sie aus einer versteckten Anzugtasche einen Speicherkristall und legte ihn auf die Mitte des Tisches. Danach fing sie an, vom Auftrag und von seiner Durchführung zu erzählen.

Nachdem sie geendet hatte, saß Charrut noch einige Zeit wie versteinert da und versuchte, das eben gehörte zu verarbeiten. Seine Hände hatten sich zu Fäusten geballt, nachdem er hören musste, wie leidenschaftslos sie von einem Mord sprach. Er war Soldat. Der Tod war in seiner Welt allgegenwärtig, war Teil seiner Aufgabe. Sie aber hatte für Chronners Leben ausgelöscht. Er verabscheute sie zutiefst.

„Was ist der Preis für das Auslöschen eines Lebens?“ fragte er.

„Das gehört nicht hierher“ erwiderte sie kalt.

„Wieviel?“ brauste er auf und der Blick, den er ihr zuwarf, sagte, dass er sich am liebsten auf sie gestürzt hätte.

„450.000 Chronners“, erwiderte sie. Charrut schloss kurz die Augen und musste schwer schlucken. ‚So wenig ist also ein Leben wert‘ ging es ihm durch den Kopf. Nach einem kurzen Augenblick öffneten Charrut seine vor Erregung tränenden Augen und presste heraus: „Wenn ich nicht mein Wort gegeben hätte, wären Sie jetzt tot. Gehen Sie mir aus den Augen. Verschwinden Sie!“ Gleichzeitig drückte er auf seinem Armbandkommunikator eine Taste und sendete das verabredete Signal aus, als seine Vermutung zur Gewissheit wurde, dass sie die Attentäterin war.

Die Frau stand auf, eine schlanke, kräftiger gebaute Bras’cooi, und ging zum Schott. Als es sich öffnete, standen dahinter vier bewaffnete Mehandor, mit flimmernden Strahlenkarabinern schweren Kalibers im Anschlag, sowie ein fünfter Mann in der Uniform der Raumakademie Varynkor.

Ruckartig blieb sie stehen.

„Hände hinter den Kopf und keine Bewegung“, fuhr sie einer der Mehandor laut an. Langsam hob sie die Hände.

„Ich wusste, dass man einem Adligen nicht trauen darf, als ich mich auf dieses Abkommen einließ , zischte sie wütend hervor.

Charrut, der in der Zwischenzeit auch aufgestanden war und jetzt schräg hinter ihr stand, erwiderte kalt: „Ich habe gesagt, dass ich mich an mein gegebenes Wort halte. Aber es war nie die Rede davon, was und wo der Zufluchtsort sein würde.

Der fünfte Mann trat in den Raum ein und stellte sich zu Charrut.

„Alles in Ordnung?“

„Ja, ich danke Dir, dass du und deine Sippe mir diesen Gefallen tun.“

Tranthar nickte leicht mit den Kopf und erwiderte, wobei er die Frau ansah: „Bleibt es dabei?“

Charrut nickte ebenfalls und sagte: „Ja. Nimm sie, solange sie lebt, als Mitglied auf einem eurer Schiffe auf. Sie ist kräftig gebaut, körperliche Arbeit wird ihr nicht schaden. Und was ihr Raumschiff und ihr Vermögen angeht: Macht damit, was ihr wollt, es interessiert mich nicht“.

„Wenn ich jemals frei komme, bringe ich Sie um!“ stieß sie wütend hervor, während sie Charrut mit zornig-glänzenden Augen ansah. Charrut konnte erkennen, dass sie sich sofort auf ihn gestürzt hätte, wenn da nicht die drohenden Waffen der Mehandor gewesen wären.

Mit kalten Augen erwiderte Charrut: „Der Tod ist nur der Anfang. Ich werde eines Tages vor den She’Huhanii treten und zu ihren Füßen sitzen. Aber nicht Sie, Sie Mörderin!“

Tranthar gab seinen Leuten ein Zeichen. Ein Mehandor trat vor und legte der Frau wenig feinfühlig Handschellen hinter den Kopf an und führte dann eine Leibesvisitation durch. Danach wurde sie in die Mitte der Mehandor genommen, vorwärts gestoßen und fortgeführt.

Tranthar sah seinen Freund Charrut an.

Er deutete auf Charruts Hand, die den Speicherkristall hielt und fragte: „Was wirst du mit den Informationen machen?“

Charrut sah auf seine Hand und erwiderte: „Darüber muss ich erst in Ruhe nachdenken“.

Tranthar nickte verstehend und erwiderte: „Dann lass' uns aufbrechen. Wir müssen pünktlich in der Akademie sein!“

Charrut nickte und gemeinsam gingen sie zurück zum Hangar. Unbewusst ballte Charrut die Hand, die den Speicherkristall hielt, zur Faust. Die Informationen waren für ihn sein wertvollster Schatz!

* * *

4. Prago to Messon 14.598 da Ark – irgendwo im Tai Ark‘Tussan

Die Türen des Vortragsraums öffneten sich und die Khasurnführer strömten heraus. Gemeinsam mit Onuk de Ariga ging Ultral I. de Harkon, Vater von Charrut, zum Dinnerbereich. Dort nahmen Sie an den für Sie reservierten Tisch Platz und bestellten bei der sofort herbeieilenden Bedienung Getränke.

"Und, wie beurteilst Du die Vorträge?"

Ultral wiegte den Kopf, bevor er antwortete:

"Man merkt, dass sich Imperator Saran III. Gedanken gemacht hat."

Bevor Ultral weiter antworteten konnte, kam die Bedienung wieder und brachte beiden die bestellten Getränke.

Beide prosteten sich zu und tranken einen Schluck.

"Wie laufen die Geschäfte?" fragte Ultral I.

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