Tomalak

  Auf Tranthars Bildschirm erschienen die beiden Kurven. Die Abweichungen waren minimal jedoch vorhanden. Und… sie zeigten wachsende Tendenz. Tranthar machte sich mit Eifer an die Arbeit, während die ES’COFEER unaufhaltsam der Oberfläche Varynkors entgegenfiel.

 

  Schließ­­­lich erschien das Berechnungsergebnis. Es zerstörte die hochgesteckten Erwartungen, war aber trotzdem ein Grund zur Freude. „Die Geschwindigkeit ist immer noch zu hoch, für eine normale Landung,“ berichtete er den anderen, „aber die Überlebenschancen für die Besatzung sind jetzt beträchtlich gestiegen!“
  Vynga zog zweifelnd die Augenbrauen hoch. „Woher kommt diese Abweichung, Tranthar? War die Hochrechnung zu ungenau?“
  Tranthars Blutdruck ging augenblicklich hoch. Doch bevor er noch auf die vermeintliche Unterstellung einer Fehlleistung reagieren konnte, hatte Canvas das Wort ergriffen.
  „Nein! Vynga! Die Hochrechnung ist in Ordnung. Aber, wer immer auch die ES’COFEER fliegt, er hat eine Möglichkeit gefunden, die Geschwindigkeit zusätzlich zu reduzieren. Meine Nahortungsgeräte zeigen, daß der Schutzschirm um das Sechsfache ‘aufgeblasen’ wurde. Er hat jetzt einen Durchmesser von 300 Quars. Entsprechend hat sich der Reibungswiderstand der Luft gesteigert und die Geschwindigkeitsdifferenz verursacht. Wer immer diese Kiste fliegt, er hat wenig Einflußmöglichkeit, sonst wäre er in einem Orbit gegangen oder an Varynkor vorbeigeflogen, bis die Geschwindigkeit auf den notwendigen Wert reduziert ist. Auf die Idee, den Schutzschirm ‘aufzublasen’ wäre ich aber nicht gekommen, die ist genial!“
  Tranthar stieß die Luft langsam und laut hörbar aus, um seine innere Erregung niederzukämpfen. So viele Worte auf einmal hatte Chanvas schon lange nicht mehr von sich gegeben. Der sonst so ruhige Zaliter mußte sehr beeindruckt sein, was man von Vynga nicht behaupten konnte. Es schien nichts zu geben, was sie zu einer Gefühls­äußerung bewegen konnte. War es die große Last der Verantwortung, die sie so verändert hatte?
  „Achtung!“ dröhnte Canvas Stimme durch den Raum. „Nur noch wenige Sekunden bis zum Aufschlag! Aufschlagpunkt ca. 32 Takas von der Raum-Akademie entfernt. Alle Blicke richteten sich auf den Panoramaschirm.
  Die ES’COFEER war wieder klar zu erkennen. Lormon Denorel filmte von schräg oben. Die Triebwerke arbeiteten immer noch mit voller Leistung und entfachten außerhalb des Schutzschirms einen Orkan. Der Boden, eine Hügellandschaft mit vereinzelten Baumbeständen, schien auf das Raumschiff zuzuspringen. Die Landestützen waren bereits ausgefahren.
  Ein letzter Impulsstoß aus den Triebwerkskammern, dann wurden die Triebwerke aus Sicherheitsgründen abgeschaltet. Der ‘aufgeblasene’’ Schutz­schirm berührte die Erde, versenkte einige hundert Quadrat-Quars Grasfläche und zerplatzte dann wie eine Seifenblase. Die Auflageteller durchstießen die Ascheschicht und gruben sich in die lockere Erde. Zu langsam für die 6 Teleskoplandestützen. Mit einem infernalischen Kreischen bogen sie sich durch, um anschließend zu brechen. Der Kugelkörper prallte auf den Boden, schleuderte Asche und Erde in die Luft. Bruchteile von Augenblicken später durchstieß er die Wolke wieder, überschlug sich und prallte etliche Quars später wiederum auf den Boden. Teile des Ringwulst lösten sich, sirrten als Trümmerstücke durch die Luft. Erneut wirbelte der Kugelkörper über den Boden und schlug in die steile Flanke eines Hügels ein. Arkonstahl stieß auf Granit, zerpulverte die ersten Schichten. Dann war die kinetische Energie verbraucht. Das Raumschiff rollte um ca. 250 Derv nach hinten und blieb liegen. Die Bodenschleuse zeigte schräg in den Himmel.
  Ein tiefer Riß zog sich vom zerfetzten Ringwulst bis zur Bodenschleuse. Flüssigkeit tropfte hervor. Die Übertragung von Lormon Denorels Jäger war hervorragend. Er schwebte mit Hilfe des Antigravtriebwerks direkt über der Unglücksstelle. Tranthar glaubte direkt am Ort des Geschehens zu sein. Automatisch hielt er einige Zeit die Luft an. Dann, als weder eine Explosion die ES’COFEER erschütterte noch irgendwo ein Brand ausbrach, atmete er erleichtert aus. „Das sieht gar nicht so schlecht aus“, rief er. „Ich glaube, sie haben es geschafft!“
  „Ja, das haben sie!“ bestätigte Canvas. „Aber ganz ohne Tote und Verletzte wird es nicht abgegangen sein. Ich bin froh, daß ich nicht an Bord bin!“
  Tranthar fluchte innerlich. Er wußte, daß Canvas recht hatte. Noch war nicht gesagt, daß Tomalak und all die anderen mit dem Leben davongekommen waren. Instinktiv erwartete er, daß eine der dem Erdboden naheliegenden Schleusen aufging und die Besatzung Mann für Mann ins Freie kletterte. Doch so intensiv er darauf hoffte, es blieb alles ruhig.
  „Tranthar!“ Vyngas Stimme hatte einen leicht ätzenden Unterton. „Sind die genauen Koordinaten der Aufschlagstelle dem Rettungstrupp schon bekannt?"
  Tranthar biß sich vor Ärger auf die Unterlippe. Daran hatte er nicht gedacht. „Nein!“ mußte er zugeben. Ich übermittle sie jetzt!“ Es war ihm besonders unangenehm, daß er sich von Vynga hatte ermahnen lassen müssen. Und dieser Unterton! Als Mehandor war er gewohnt, bei der Analyse des Gemütszustands seines Verhandlungspartners auch auf die Stimme zu achten. Irgend etwas schien Vynga zu bedrücken. Wenn er nur wüßte, was?
  Es dauerte nicht lange, da erschienen drei schwere Gleiter des Rettungstrupps auf dem Bildschirm. Einer der Gleiter war mit dem monströsen Aufbau einer Löschvorrichtung ausgestattet. Die Gleiter landeten. Männer in Fluganzügen drangen durch den Riss in die ES’COFEER ein. Die Funkzentrale hatte inzwischen auf die Frequenz des Rettungstrupps umgeschaltet, so daß die Zentralebesatzung die Gespräche zwischen den Mitgliedern des Rettungstrupps hören konnten.
  So war Tranthar bald informiert, daß Tomalak gefunden worden war. Er war als einziger der Besatzung bei Bewußtsein aber nicht vernehmungsfähig. Eine Verletzung in der Bauchgegend mit hohem Blutverlust, einige Prellungen und eine deftige Gehirnerschütterung, aber keine Lebensgefahr, so die Schnelldiagnose. Überhaupt hatte die 20köpfige Besatzung ausgesprochenes Glück gehabt. Sie hatten alle überlebt. Es gab drei Schwerverletzte, die in den Außenregionen gefunden wurden, und zwölf Leichtverletzte. Das Raumschiff war in den Innenbereichen stärker verwüstet, als es von außen ahnen ließ. Es würde wohl auf die Verlustliste der Raum-Akademie gesetzt werden.
  Dann wurde die Besatzung auf Antigravbahren von Bord gebracht. Lormon Denorel hatte die Bordkamera auf den Riss eingestellt und gezoomt, so daß jedes Besatzungsmitglied in Großaufnahme auf dem Panoramaschirm zu sehen war. Als Tomalak von Bord gebracht wurde, und er verdrießlich die Augen zusammenkniff, weil ihm die Nachmittagssonne ins Gesicht schien, da war es für Tranthar der schönste Anblick, an den er sich je erinnern konnte.
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