Tomalak

  Er fühlte sich so schwach, wie noch nie in seinem Leben. Jede Bewegung bereitete ihm ungeheure Mühe. Es war ihm, als würde er in einem fremden Körper stecken. Dann fiel sein Blick auf den großen Panoramaschirm. Er wurde fast vollständig von einem Planet ausgefüllt, auf welchen das Raumschiff zuraste. Viel zu schnell, wie Tomalak mit einem Blick auf die Instrumententafel feststellte. Die Form und Lage der Kontinente ließen nur einen Schluß zu. Die ES’COFEER stürzte auf Varynkor zu. Zu oft war Tomalak hier schon gelandet, als daß er dies nicht auf den ersten Blick erkannt hätte. Die Frage nach dem „Warum?“ verschob er auf später. Sein Leben und das der Besatzung stand auf des Messers Schneide.

 

 

  So schnell es ihm möglich war, aktivierte Tomalak die Verbindung zur Positronik. Wenige Atemzüge später war er über den Zustand des Raumschiffs informiert. Wie alle Raumschiffe der Raum-Akademie Varynkor, so war auch die ES’COFEER mit einer Notfallprogrammierung ausgestattet. Einmal aktiviert, würde sie mit Hilfe der Positronik das Raumschiff wieder nach Varynkor zurückbringen. Und genau das war geschehen. Doch durch den Energieausfall wurden die Triebwerke zu spät gezündet und der Ausfall der Backbordtriebwerke tat ein übriges. Die Geschwindigkeit war viel zu hoch. Es würde eine Bruchlandung geben. Die Positronik errechnete eine hauchdünne Chance, daß es Überlebende in der Zentrale geben könnte. Trotzdem würde die Landung stattfinden. Die einzigen, welche die Notfallprogrammierung abbrechen konnten, befanden sich in tiefer Bewußtlosigkeit. Und Zeit war keine mehr vorhanden, um sie daraus zu erwecken. Und doch … seine Hand schwebte bereits über der Ruftaste für medizinische Hilfe. Doch er zog sie wieder zurück. Vor seinem geistigen Auge sah er wie bei der Bruchlandung Medoroboter wie Raketen durch die Zentrale schossen und unglaubliche Zerstörungen anrichteten. Nein, medizinische Hilfe hatte momentan keinen Sinn.
  Für einen kurzen Augenblick waren auf dem Panoramaschirm die schattenhaften Konturen zweier Jäger zu sehen, die einen leuchtenden Kometenschweif hinter sich herziehend in die Atmosphäre eintauchten. Die ES’COFEER würde ihnen gleich folgen.
  Tomalak versuchte wider besseres Wissen in die Steuerung der ES’COFEER einzugreifen, um das Raumschiff ganz knapp an Varynkor vorbei in die Unendlichkeit des Alls zu fliegen. Vergebens. Die Steuerung war blockiert. Er wußte nicht, wie er sie wieder funktionsfähig machen konnte. Panik begann sich in ihm einzunisten. Was konnte er noch tun, um einen Absturz zu vermeiden. Er war anscheinend der einzige an Bord dieses Raumschiffes, der noch handlungsfähig war. Er trug die Verantwortung für die bewußtlose Besatzung und diese Verantwortung schien ihn schier erdrücken zu wollen. Doch er konnte die Situation nicht ändern. Er war dazu verdammt, dem Verderben ins Auge zu sehen.
  „Hilf mir, Vrolongrod, Gott des Krieges, der Dunkelwolken und der Energiestürme!“ kam es gepreßt über seine Lippen. Er wußte, daß ihm nur noch ein Wunder retten konnte. Der Kriegsgott der Kah’lass, Vrolongrod, war für solche Wunder bekannt. Tomalak glaubte an diesen Gott. Glaubte an diese Wunder, denn in seinem Weltbild gab es keine Zufälle. Eine seltsame Taubheit durchdrang ihn. Im Bruchteil eines Augenblicks zogen Erinnerungen an ihm vorbei. Das Bild eines Kindes tauchte vor seinem Augen auf. Eine junge Kolonialarkonidin, vielleicht 8 Jahre alt. Sie hatte ihn am Raumhafen eines unbedeutenden Planeten, dessen Namen er schon wieder vergessen hatte, angefleht, ihr zu helfen. Ihre Mutter würde an einem Leiden dahinsiechen, das nur auf Aralon geheilt werden könne. Die Behandlung sei teuer und überstieg die Möglichkeiten der Familie bei weitem. So mußte das Mädchen Geld von Raumfahrern anderer Welten erbetteln. Jetzt fehlte nur noch ein relativ kleiner Betrag. Doch Eile tat not, bald war der Mutter nicht mehr zu helfen.
  Trickbetrug! Das war damals sein erster Gedanke gewesen. Doch dann hatte Tomalak in den dunklen, großen Augen des Mädchens die Verzweiflung und die Hoffnung gesehen und er hatte ihr den Betrag gegeben.
  Gleichsam war es ihm erschienen, als hätte er noch nie in seinem Leben etwas wichtigeres getan, als in diesem Augenblick. Und er, der mit seinen Freunden des öfteren die Vergnügungsviertel seines Heimatmondes unsicher gemacht und sich hammerharte Schlägereien mit anderen Kah’lass geliefert hatte, ihm lief jetzt ein Schauder der Rührung um das Herz, als das Mädchen vor Freude weinend seine Hand küßte und dann eilig davonlief.
  Noch am selben Abend war Tomalak auf Archetz gelandet. In einem der berühmtesten Waffengeschäfte des Planeten hatte er einen wunderschönen Handstrahler mit Intarsienarbeiten am Griff erstanden. Völlig überraschend und ohne jeglichen Grund hat­te ihm der Geschäftsführer einen Nach­laß gewährt. Einen Nachlaß, der genauso groß war, wie der Betrag, den er dem Mädchen gegeben hatte.
  Seitdem war eines für Tomalak klar: Es gab keine Zufälle. Alles in diesem Universum hatte seinen Sinn. Und es gab diese Mächte, die hinter den Kulissen unbemerkt die Fäden zogen: Die She-Huhan!
  Die ES’COFEER raste durch die ersten Ausläufer der Atmosphäre. Ein Zittern durchlief das Schiff und ein helles durchdringendes Summen. Tomalak empfand dies, als wolle das Raumschiff bereits den Todesgesang anstimmen. Eiseskälte umklammerte sein Herz und ließ das Blut in seinen Adern stocken. Dann befreite er sich von seiner Angst und seine Hand krachte auf die Hauptkonsole. Knisternd legte sich der Schutzschirm um das Schiff.
 
*     *      *
 
  Vynga spürte eine quälende Unruhe in sich. In Gedanken verfluchte Sie Tranthar. Seit er eine Arkon-Bombe an Bord der ES’COFEER vermutet hatte, konnte sie an nichts anderes mehr denken. Sicher, Arkon-Bomben wurden von den imperialen Streitkräften unter Verschluß gehalten. Es war sehr unwahrscheinlich, daß eine abhanden kam. Und doch… ein wenig Einfluß an der richtigen Stelle und eine größere Summe in die richtigen Taschen gesteckt, mochten das Unmögliche möglich machen.
  Würde nicht andererseits ein geübter Attentäter es vorziehen, der ES’COFEER eine solche Bombe an Bord zu schmuggeln, anstatt das Risiko einzugehen, daß das auf keinen Funkanruf reagierende Raumschiff vor dem Ziel abgeschossen wurde?
  Verunsichert wischte sich Vynga einige Haarsträhnen aus der Stirn. Ein Blick zu Chanvas belehrte sie, daß der Zaliter noch schwerer unter der Ungewißheit litt, als sie. Er kaute nervös auf seinen Lippen und die Stirn war von Schweißperlen bedeckt. Ihr Blick wanderte zu Jewon da Carnat. Vielleicht konnte sie an seiner Reaktion sehen, ob Gefahr für die Raumakademie bestand. Gerade beugte er sich zu Tran­thar hinab, um etwas auf dessen Bildschirm abzulesen. Vynga sah, wie beide leise ein paar Worte miteinander wechselten. Dann drehte Tranthar seinen Kopf und ihre Blicke trafen sich für einen kurzen Moment. Er lächelte.
  Hatte Tranthar bemerkt, daß sie verunsichert war? Instinktiv fühlte sie eine Woge der Abwehr in sich hochspülen. Sie durfte sich keine Blöße geben. Nicht vor ihm, der sie schon einmal vor ihrem Vorgesetzten blamiert hatte.
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