Tomalak

  Die Schmerzen wurden stärker, begannen durch seinen ganzen Körper zu pulsieren. Tomalak fragte sich, woher diese Schmerzen kamen. Der Sturz war doch nicht so schlimm gewesen. Dann sah er wieder das vor Zorn entstellte Antlitz seiner Vaters und besann sich auf eine Antwort: „Aber es ist doch nichts passiert“, sagte er beschwörend. „Wir sind gute Freunde. Das ist alles!“

 

  „Und das ich Vrontol mein Wort gegeben habe, das zählt für dich wohl gar nicht?“ Seine Augen schienen Blitze auf Tomalak zu verschleudern. In diesem Moment war er Tomalak so unfaßbar fremd. „Na warte, ich werde dir deine Disziplinlosigkeit schon austreiben. Morgen bringt dich eines unserer Raumschiffe nach Varynkor. In der dortigen Raum-Akademie werden sie dir deine Flausen schon austreiben. Du wirst jetzt gleich packen.“
  Der Schmerz brachte Tomalak fast um den Verstand. Trotzdem wollte er sich dagegen zur Wehr setzen, einfach in eine Raum-Akademie abgeschoben zu werden.
„Nein!“ sagte er bestimmt. „Ich habe einen Fehler gemacht. Laß’ ihn mich jetzt wieder ausbügeln. Keiner kennt sich mit diesem Feuerleitsystem so gut aus, wie ich. Aber auf eine Raumakademie, wie immer sie auch heißen mag, werde ich nicht gehen!“
  Tomalak sah sofort, daß es um die Beherrschung des Patriarchen geschehen war. „Was!“ schrie er. „Du widersprichst mir auch jetzt noch! Dich werde ich lehren, was es heißt meine Befehle zu ignorieren!“ Dann hob er seine kräftigen Fäuste, um auf seinen Sohn einzuprügeln.
  „Nein! Tu es nicht Vater! Bitte halte ein!“ Tomalak erkannte die Stimme seiner Schwester. Kalriud mußte schon die ganze Zeit die Szenerie beobachtet haben. Mit ihr verband ihn ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis. Es war schon immer so gewesen, daß er Probleme nicht mit seinen Eltern sondern mit seiner Schwester besprochen hatte. Sie war für Kah’lass-Verhältnisse sehr hübsch und hatte nur eine Schulterbreite von 1,50 m ohne zu zart zu wirken. Und Mut hatte sie, oh ja. Niemand anders hätte sich beim gegenwärtigen Zustand ihres Vaters schützend vor Tomalak gestellt.
  Doch der Patriarch nahm keine Rücksicht auf sie. Mit einem Schlag seiner eisernen Faust fegte er sie mit solcher Wucht durch den Wohnraum, daß sie den schweren Kontursessel umriß und wimmernd am Boden liegen blieb.
  Noch ehe sich Tomalak von der unglaublichen Brutalität seines Vaters erholt hat­te warf sich dieser auf ihn. Doch nicht von vorne, wo er eben noch gestanden hat­te, sondern von der Seite. Wie in Zeitlupe senkte er sich auf Tomalak herab. Seltsamer­­weise konnte er sein Gewicht schon spüren, und es wurde immer schwerer und unerträglicher je mehr sich der Patriarch auf ihn herabsenkte. Tomalak war nicht in der Lage sich zu rühren. Wie ein Kmarko hyp­notisiert auf den tödlichen Biß des Lorg­ech­e wartete, so sah er, wie sich der Patri­arch ihm immer mehr entgegensank. Dann wandelten sich dessen stahlgraue Augen plötzlich in rot irisierende Sehzellen. Sein Gesicht wurde zu einer Maske aus Arkonstahl. Mit einem Schrei, der nichts menschliches mehr an sich hatte, erwachte Tomalak und schlug die Augen auf.
 
*     *      *
 
  Zuerst überfiel ihn der Schmerz, er schien von überall zu kommen. Sein Blick fiel durch die verbogene Scheibe des Raumhelms auf ein düster glühendes Licht. Langsam schälten sich Erinnerungsreste aus dem Nebel des Verborgenen und setzten sich zu einem Bild zusammen.
  Der Name ES’COFEER tauchte auf, ein 50-Quars-Beiboot der Raum-Akademie Varyn­kor. Es war zu einer Prüfungsfahrt aufgebrochen. Als Besatzungsmitglieder waren langjährige Ma’chors an Bord, die nun die Chance erhielten, zum Ti’chor befördert zu werden. Die Aufgabe war, ein unbekanntes Sonnensystem anzufliegen, es zu erkunden und die Planeten zu kartografieren. Er war erst ein knappes Arkonjahr auf der Raum-Akademie und nur als Ersatz für ein erkranktes Besatzungsmitglied mitgeflogen. Sein Einsatzgebiet war der Maschinenleitstand. Vier Transitionen über eine Entfernung von insgesamt 196 Lichtjahre. Das war für den Hin- und Rückflug fast die maximale Reichweite des Überlichttriebwerks. Es durfte nichts schief gehen.
  Die letzte Transition hatte sie dann an den Rand eines Sonnensystems, bestehend aus einer gelben Sonne, einem Planet mit einem Trabanten und einem Asteroidenfeld, gebracht. Der Planet lag in der Lebenszone.
  Schon vor der letzten Transition hatten sie aus Sicherheitsgründen leichte Raumanzüge angezogen. Als die ES’COFEER auf dem Weg zum einzigen Planeten dicht an dem Asteroidenfeld vorbeiflog, passierte es. Tomalaks Schicht war zu Ende. Er hatte den Maschinenleitstand verlassen und befand sich gerade auf dem Weg in die Mannschaftsquartiere. Als ein infernalisches Dröhnen durch die ES’COFEER raste. Sie wurde in ihren Grundfesten erschüttert. Die Zellverbände ächzten und der Boden bebte so stark, daß Tomalak stürzte. Während das heftige Beben Tomalaks Körper malträtierte, sah er, wie sich die Wand an der rechten Seite zu verformen begann. Er sah auch den Kampfroboter, der in einer Wandnische stand und durch Halteklammern an Armen und Beinen an der Wand befestigt war. Und er sah, wie die Halteklammern unter dem Verformungsdruck der Wand abplatzten und der Kampfroboter nach vorne kippte, direkt auf ihn zu. Der Druck auf die Gürtelschnalle, der den Schutzschirmgenerator anlaufen ließ, war zu spät gekommen. Er sah glühende Sehzellen umhüllt von Arkonstahl auf sich zurasen, dann war nur noch Dunkelheit um ihn herum.
{rt}
Pages: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15