Tomalak

   Etwas hatte sich verändert. Zahlenkolonnen rasten nun über den Bildschirm. Mit einem Blick erfaßte er, daß in dem Raumschiff Meiler hochliefen. „Vorsicht!“ rief er mit lauter Stimme. In dem Raumschiff werden größere Mengen von Energie erzeugt.“

 

  Jewon da Carnat reagierte unglaublich schnell. „Zentrale an Jäger-Rhagarns! Energieerzeugende Anlagen sind im Raumschiff hochgelaufen. Sofort ausfächern! So wenig wie möglich Angriffsfläche bieten!“
  „Lormon Denorel! Befehl verstanden. Energie angemessen. Das Raumschiff beginnt abzubremsen. Aber …. was ist das? Das Raumschiff bricht aus seiner Bahn aus, es fängt an zu schlingern. Irgend etwas stimmt hier nicht! Cyron dom Vulgor übernehmen Sie beide Rhagarns. Ich sehe mir das Raumschiff von der Nähe an!“
  Tranthar sah zu Jewon da Carnat. Doch dieser zeigte mit keiner Mienenbewegung, ob er die Entscheidung von Lormon Denorel gut hieß oder nicht.
  Auf den Panoramaschirm war inzwischen ein winziger grellgelber Fleck zu sehen, der immer größer wurde.
  „Lormon Denorel! Meine Taster zeigen mir, daß es sich bei dem Raumschiff um ein 50-Quars-Beiboot arkonidischer Bauart handelt. Die Triebwerke der Backbordseite scheinen ausgefallen zu sein. Die Bordpositronik zoomt das Raumschiff auf maximale Größe auf Standbild. Achtung jetzt.
Auf den Panoramaschirm schien eine feuerspeiende Kugel auf sie zuzufliegen. Beleuchtet von den Bremstriebwerken waren die folgenden großen Lettern auf der Schiffshülle zu lesen: ES’CO.
  „Es ist die ES’COFEER!“ Tranthar löste seinen Blick vom Panoramaschirm und sah hinüber zu Vynga del Norlaan, die diesen Namen mit unheilsahnender Stimme ausgesprochen hatte.
  Die ES’COFEER. Tranthar lief ein eiskalter Schauder den Rücken herab. Sie war ein Schiff der Raum-Akademie und sollte eigentlich in einem weit entfernten, entlegenen Sonnensystem sein. Die Besatzung bestand aus Ma’chors, die dieses Sonnensystem erkunden und die einzelnen Planeten kartographieren sollten. Dies war Teil einer Prüfung zum Ti’chor. Ein Ausbilder war mit an Bord und Tomalak pas Meramar. Er war für einen erkrankten Ma’chor eingesprungen.
  Was, so fragte sich Tranthar sorgenvoll, machte die ES’COFEER zu diesem Zeitpunkt im Harrekatam-System? Und warum hatte niemand von den Ma’chors das Erkennungszeichen gegeben?
 
*     *      *
 
  „Tomalak!“ Der Ton in der Stimme seines Vaters ließ ihn nichts Gutes ahnen. Mit einer Handbewegung unterbrach er die schwermütige Musik eines arkonidischen Komponisten. Seine Lieblingsmusik, wenn er mit seinen Freunden wieder ein ausuferndes Gelage hinter sich gebracht hatte und sein Körper noch unter den eingenommenen Mengen diverser Rausch­mittel litt.
  Die Tür glitt auf und Gorak trat mit der finstersten Miene, die Tomalak je bei ihm gesehen hatte, in seinen Wohnraum. Tomalak wußte, in diesem Augenblick war Gorak nicht sein Vater, sondern der Patriarch der Meramar-Sippe.
  „Du Nichtsnutz von einem Sohn!“ fauchte er. „Wie oft habe ich dir gesagt, konzentriere dich auf deine Arbeit! Aber nein! Immer sind dir deine Freunde und verbotene Affären wichtiger. Jetzt bekommen wir die Quittung dafür. Die Hemal-Sippe hat dein neues Feuerleitsystem getestet und abgelehnt! Das kostet uns Millionen! Meine Geduld ist zu Ende!“
  Tomalak wischte sich über die Stirn, ein hoffnungsloser Versuch, seinen Verstand von den Folgen der letzten Nacht zu befreien. „Das Feuerleitsystem ist voll erprobt. Es gibt nichts besseres in den Schlachtflotten der Kah’lass. Wieso wurde es abgelehnt?“
  „Erprobt!“ Die Frage seines Sohnes schien die Wut des Patriarchen noch mehr anzustacheln. Eine dicke dunkelgrüne Ader trat an seiner Stirn hervor. „Wann hast du es erprobt, mit welchen Schiffen.“
  „Mit der KHE’SAN und der LHO’MEAH!“
  Tomalak spürte plötzlich den eisernen Griff seines Vater an beiden Schultern. Das Gesicht des Patriarchen war ihm ganz nah. Seine stahlgrauen Augen schienen ihn durchbohren zu wollen. „Du Narr!“ brüllte er und schüttelte Tomalak bei jedem Wort, daß diesem Hören und Sehen verging. Der Patriarch war mit seinen 1,85 Meter noch ein Stück größer als Tomalak und gut durchtrainiert.
  „Sowohl die KHE’SAN als auch die LHO’MEAH sind Erkundungsschiffe!“ schrie er. „Sie verfügen über eine völlig andere Positronik als Schlachtschiffe. Dein Feuerleitsystem mag bei den Erkundungsschiffen funktionieren. Für die ist aber ein so perfektes Feuerleitsystem weder sinnvoll noch zu bezahlen. Bei den Schlachtschiffen aber liefert das Feuerleitsystem die Werte mit einer Zeitverzögerung von zwei Petontas. Damit ist es Schrott! Nicht zu Gebrauchen! Hörst Du!“
  Die Worte seines Vaters schmerzten ihn stärker, als dessen eiserner Griff. Auf einmal überkam ihn ein Gefühl der Übelkeit und Schwäche. Immer mehr kam ihm zu Bewußtsein, daß er einen unverzeihlichen Fehler begangen hatte, der ihm nie hätte unterlaufen dürfen. „Aber die Umstellung auf die Schlachtschiffpositroniken kann doch nicht so schlimm sein!“ versuchte er den Fehler zu kaschieren, obwohl er selbst nicht daran glaubte!“
  Tomalak wurde von seinem Vater mit solcher Wucht weggestoßen, daß er rücklings zu Boden fiel. „Nicht schlimm, sagst du! Einen ganzen Tag haben wir investiert, um zu analysieren, wie schwerwiegend eine Anpassung auf die Schlachtschiffpositronik sein wird! An der Basis wurden bereits die falschen Signale gesetzt. Wir können wieder ganz von vorne anfangen! Und das nennst du nicht schlimm!“
  Etwas stimmte nicht! Auch wenn er diesen schwerwiegenden Fehler begangen hatte, sein Vater würde ihn nie mit solcher Wucht auf den Boden stoßen. Das war nicht seine Art. Und doch spürte er plötzlich einen stechenden Schmerz an der Seite, erst nur wenig, dann aber immer heftiger.
  „Nun rede schon, du Nichtsnutz von einem Sohn. Ist dir klar, daß du unsere Sippe an den Rand des Ruins gedrängt hast? Habe ich dir nicht immer gesagt, du sollst dich intensiv um deine Arbeit kümmern, statt mit deinen sauberen Freunden um die Wette zu trinken? Habe ich dir nicht gesagt, du sollst die Tochter des Patriarchen Vrontol in Ruhe lassen? Und was hast du getan?
  Der Patriarch warf Tomalak eine Holo-Patrone zu. „Sieh sie dir an! Darin weist mich Vrontol darauf hin, daß trotz mehrmaliger Absprache, vor drei Tagen wieder ein Treffen zwischen dir und seiner Tochter stattgefunden hat. Er droht mir, die Schlachtraumer künftig von der Colopan-Sippe zu ordern, wenn diese Treffen nicht endgültig eingestellt werden! Was hast du dazu zu sagen?“
{rt}
Pages: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15