Tomalak

   Als er sich den Kampfanzug eben übergestreift hatte, glitt das Zentraleschott auf, und Jewon da Carnat spurtete im Kampfanzug herein, einen schweren Desintegrator über der Schulter hängend. Er wirkte kraftvoll und energiegeladen. Sein für einen Arkoniden kantiges Gesicht wirkte hart und kompromißlos. Tran­thar wünschte ihn sich in diesem Augenblick nicht zum Feind.

 

  Das Gesicht Vyngas wurde weiß wie ihr Haar, als sie ihren Ausbilder hereinstürmen sah. Tranthar beobachtete, wie sie Haltung annahm und zu einer Meldung ansetzte, den Schutzschirmprojektor noch in ihrer linken Hand. Doch Jewon da Carnat bedeutete ihr mit einer kurzen Handbewegung zu schweigen.
  „Ich übernehme das Kommando!“ Es war eine Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Ich habe die Geschehnisse in der Zentrale mitgehört.“
  „Raumschiff passiert die Umlaufbahn von Esdefer!“ Chanvas schien sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen. Tranthar beschloß es ihm gleichzutun. Er nahm seine Position vor der Positronik wieder ein, während der letzte Ver­schluß des Kampfanzugs einrastete.
  Aus dem Augenwinkel sah Tranthar, wie sich der große Panoramaschirm mit einem lauten Knistern aufblendete. Der Raumhafen war zu sehen. Eine gähnende Leere aus grauen Stahlkunst­stoffplatten, glit­zernd im Licht der morgendlichen Sonne. Am Rande des Raumhafens strebten win­zige Punkte auf zwei Jäger-Rhagarns der Naator-Klasse zu.
  Dieses Bild erinnerte ihn an seine Aufgabe. Er mußte die Daten der Ortungsanlage in den Bordpositroniken der Jäger über­spielen. Um ein Haar hätte er dies verschlafen. Während er die Ver­bindung aufbaute, wurde es ihm noch nachträglich siedend heiß.
  Im Hintergrund hörte er Jewon da Carnat mit der Funkzentrale sprechen. Noch immer war kein Identifizierungssignal hereingekommen. Das Raumschiff war funk­technisch tot.
  Auf dem Panoramaschirm blendeten sich nacheinander die zwei von Raum­helmen umrahmten Gesichter der Rhagarn-Führer ein.
  Die Konferenzschaltung sprach an. „Hier Cyron dom Vulgor. 2. Jäger-Rhagarn, der Basisverteidigung. Erbitte Starterlaubnis.“
  Tranthar kannte Cyron. Er gehörte zu den Arkoniden, die arrogant auf Kolonialarkoniden herabsahen und Mehandor wie ihn keines Blickes würdigten. Trotzdem wün­schte er ihm viel Erfolg.
  „Hier spricht Lormon Denorel, 4. Jäger-Rhagarn der Basisverteidigung. Erbitte ebenfalls Starterlaubnis.“
  „Starterlaubnis gewährt! Fliegen Sie dem unbekannten Raumschiff entgegen und stoppen Sie es. Beschuß nur im Notfall! Lormon Denorel, Sie übernehmen das Kommando! Und denken Sie daran. Wir können Sie materiell in keinster Weise unterstützen.“
  Tranthar konnte ein schadenfrohes Lächeln nicht unterdrücken. Lormon Denorel, war ein Kolonialarkonide. Cyron dom Vulgor würde innerlich glühen vor Wut, daß er das Kommando nicht erhalten hatte. Die Rhagarns starteten mit sengenden Triebwerksstrahlen und verschwanden aus der Bildfläche.
  „Tranthar!“ Das Lächeln gefror auf Tran­thars Lippen, als er Jewon da Carnats energische Stimme erkannte. „Schalten Sie den Panoramaschirm auf die Außenbordkamera des kommandierenden Rha­garn­führers!“
  „Ti’Ghen, Erhabener!“ Wie ein Lichtblitz erschien das Bild in seinem Kopf, wie Jewon da Carnat ihn und seine Kameraden, die an der Tandaloh-Expedition teilgenommen hatten, moralisch zusammengeknüllt hatte, daß ihnen hören und sehen vergangen war. Er würde immer an die Worte Jewon da Carnats denken.
  „Wenn diese Expedition nicht ein Simulator-Abenteuer gewesen wäre, hätte ich gute Lust, Euch durch ein Roboterkommando hinrichten zu lassen. Das was ihr getan habt, ist Verrat. Verrat an der Akademie und Verrat an dem arkonidischen Imperium. Wenn Ihr nur zu zwei Monaten Dienst auf einem Strafkreuzer der Akademie verurteilt werdet, so ist das eine an Leichtsinn grenzende Großzügigkeit. Eigentlich müßtet Ihr den Gründern der Akademie, Antor da Kolamir und Russark da Telkan, die Füße küssen.
  Tranthar hatten noch nie im Leben die Beine so gezittert, wie in diesem Moment und er hatte seine Leidensgenossen Kerasor nert Tamanar, Pereth del Deghar, Minart da Zoltral, Charrut del Harkon und Trimor del Terkas selten so bleich gesehen. Sogar Tomalak pas Meramar, als Kah’lass eine Kämpfernatur, hatte eine ungesunde hellgrüne Gesichtsfarbe bekommen.
  Während er diesen Gedanken nachhing, hatte Tranthar die Verbindung zu dem Leit­­­­jäger aufgenommen. Das Raumhafen­gelände wurde von der Schwärze des Weltalls verdrängt. Erst nach dem sich die Augen an den plötzlichen Helligkeitsunterschied gewöhnt hatten, stellte sich nach und nach die Sternenpracht Thantur-Loks ein.
  „Was sagt die Auswertung des Transitionsschocks, Chanvas.“ Jewon da Carnat trat zu den Ortungsgeräten.
  „Nichts, Erhabener!“
  Tranthars Kopf ruckte überrascht herum!“ Er sah, wie der Ausbilder die Augenbrauen leicht anhob. „Was soll das heißen: nichts!“ fragte er den Thos'athor vom Planeten Zalit mit auffallend leiser Stimme.
  „Das soll heißen, daß ich bis jetzt nicht dazugekommen bin, den Transitionsschock zu analysieren.“
  Bevor Jewon da Carnat lospoltern konn­te, schaltete sich Vynga del Norlaan dazwischen! „Bedenken Sie bitte, daß wir hier einen Notbetrieb fahren. An dem Ortungsgerät sitzen normalerweise drei bis 4 Ma’chors. Sie können nicht von Chanvas verlangen, daß er diese Aufgaben lückenlos übernimmt.“ Ihr Gesicht hatte sich mit einer sanften Röte überzogen. „Wenn Sie erlauben, Erhabener, würde ich gerne Chanvas zur Hand gehen.“
  Jewon da Carnat stimmte brummend zu und Vynga del Norlaan nahm in dem Kontursessel neben Chanvas Platz.
  ‘Was für eine Frau!’ dachte Tranthar. Es imponierte ihn, wie sie sich für Chanvas eingesetzt hatte. Seit er sie kurz nach seiner Ankunft in der Raum-Akademie das erste mal gesehen hatte, war er von ihr fasziniert. Warum mußte es ausgerechnet eine von Standesdünkeln durchsetzte Arkonidin sein, die ihn in ihren Bann schlug, warum nicht eine Tochter eines anderen Patriarchen. Doch wie er es auch wendete, er konnte sich nicht von ihr lösen.
  Tranthar hörte nur im Unterbewußtsein Chanvas Stimme, daß das unbekannte Raumschiff bereits die Bahn von Esdefer, dem 4. Planeten erreicht hatte. Wie aus weiter Ferne bekam er mit, daß die Jäger-Rhagarns kurz davor waren, die Bahn Unials, des 3. Planeten des Harrekatam-System zu überschreiten. Doch seine Gedanken verloren sich für Augenblicke in einem zähen Nebel aus Wünschen und Hoffnungen, der jäh beendet wurde.
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