Tomalak

 
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   Drei Tage waren seit dem Tod Tomalaks verstrichen. Kerasor und die anderen waren noch nicht wieder zurückgekehrt. Es gab aber Gerüchte, daß Antor del Kolamir mit einer Privatjacht ins Paru-Atan-System gesprungen war. Was er dort wollte, war nicht in Erfahrung zu bringen.
  Tranthar hatte sich noch immer nicht von dem Schock erholt, daß Tomalak urplötzlich aus seinem Leben verschwunden war. Gegenwärtig schien es ihm, als würde alles andere hinter einem Vorhang der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Sei es der alltägliche Lebensrhythmus auf der Raum-Akademie, seien es die psychologischen Nadelstiche seiner rein arkonidisch eingestellten Kameraden oder sei es die zur Schau getragene Ignoranz seiner Person durch ihm mehr oder weniger bekannte Arkonidinnen und Kolonialarkonidinnen.
  Tomalaks Familie weilte momentan auf Varynkor. Heute abend würde sie den Leichnam heimführen, um dort die Toten- und Gedenkfeier im familiären Rahmen abzuhalten.
  Heute war noch einmal Gelegenheit für Tomalaks Kameraden auf der Raum-Akademie, von ihm Abschied zu nehmen. Tranthar wollte allein sein mit Tomalak, deswegen versuchte er so früh wie möglich die Verabschiedungsstätte zu erreichen.
  Aber er war nicht allein. Ein Kah’lass stand vor einem Vollzylinder aus einem hellgrüntransparenten Material, in welchem Tomalak konserviert war. Den Namen des Materials kannte Tranthar nicht, zu selten wurde es verwendet. Aber er wußte, daß es sehr schwierig war, es herzustellen und dementsprechend horrend war auch der Preis. Dafür trotzte es nahezu allen Umwelteinflüssen und überdauerte Ewigkeiten ohne zu altern.
  „Ein Kamerad von Tomalak?“ Tranthar musterte den Kah’lass. Er war genauso groß, aber nicht ganz so breit wie Tomalak. Seine Gesichtszüge waren etwas feiner und er hatte Lachfältchen an den Augen. Er trug eine schwarze Uniform.
  „Nein! Ein Freund!“ sagte Tranthar schließ­lich. „Ich heiße Tranthar pas Trameth­lar!“
  „Es freut mich dich kennenzulernen, Tranthar! Tomalak hat mir viel über dich erzählt. Ich habe oft Hyperkom-Gespräche mit ihm geführt. Mein Name ist übrigens Ekim. Ekim pas Rauteron.“
  „Tomalaks bester Freund!“ entfuhr es Tranthar. Von Tomalak wußte er, daß Ekim das ausschweifende Leben genauso liebte wie Tomalak selbst. Er war sogar während einer großen Feierlichkeit völlig betrunken und nur mit einer Unterhose bekleidet von einem Pulk johlender Kah’lass-Mädchen auf den Schultern durch die Menge getragen worden.
  „Ja, ich war sein bester Freund!“ sagte Ekim im Brustton der Überzeugung! „Und ich bin stolz darauf!“
  „Dann wird dich sein überraschender Tod noch schwerer getroffen haben als mich!“ meinte Tranthar.
  „Er fehlt mir, das ist wahr! Aber es wäre egoistisch, nur an mich zu denken. Er hat die letzte Hürde übersprungen. Er ist an einer Verletzung gestorben, die er im Kampfeinsatz erhalten hat und er hat Mut bewiesen und damit viele Leben gerettet. Die She'Huhan werden ihn aufnehmen und eine neue Aufgabe zuweisen!“
  „Ja!“ sagte Tranthar. „Du hast recht!“ Aber es war nicht seine Überzeugung. Kah’lass waren zum überwiegenden Teil Söldner, die nicht wußten, ob sie den nächsten Tag überleben würden. Für sie war es wichtig, an ein Leben nach dem Tod zu glauben, wenn sie nur mutig genug gekämpft hatten. Tranthar war Mehandor. Er glaubte auch an She'Huhan. An Götter, die den Lebenden halfen, aber nicht an solche, welche die Toten wieder auferstehen ließen.
  „Sein letzter Wunsch war es, in einem Methan-Ozean auf Morgaz IV bestattet zu werden“, unterbrach Ekim Tranthars Gedanken. „Ein Tauchgang auf Morgaz IV ist sogar für Kah’lass ein lebensgefährliches Abenteuer. Die Ozeane bergen vielfältiges Leben und atemberaubende Farbspiele. Nach der Gedenkfeier, werde ich Tomalak dort hingeleiten. Ich weiß einen Platz, wo es ihm gefallen würde.“
 
Tomalak pas Meramar
  Nach diesen Worten legte Ekim die Hand auf Tranthars Schulter. „Ich werde dich jetzt mit ihm allein lassen. Verabschiede dich von ihm. Und denke daran, Tomalaks Freunde sind auch meine Freunde!“ Dann wandte er sich um und verließ die Abschiedsstätte.
  Tranthar trat vor Tomalak. Prägte sich noch einmal das Bild von ihm ein. Tomalak trug die gleiche schwarze Uniform wie Ekim. An seiner Hand trug er einen Ring mit dem Wappen der Kah’lass-Sippe Meramar. Sein Gesicht war ernst, konnte jedoch jeden Moment in ein Lächeln umschlagen. „Lebe wohl, Tomalak“, sagte Tranthar mit getragener Stimme, ergriffen von der Bedeutung dieses Augenblicks. Er ignorierte die Geräusche, die vom Eingang her an sein Ohr drangen. „Wo immer du jetzt sein magst, ich werde dich nie vergessen!“
  „Wir werden dich nie vergessen!“ kam es fast wie ein Echo zurück.
  Tranthar drehte sich verblüfft um, und sah Kerasor, Charrut, Minart, Pereth und Trimor am Eingang stehen. Auf Tranthars Gesicht stahl sich ein erleichtertes Lächeln, denn Leid war leichter zu ertragen, wenn es auf mehrere Schultern verteilt war. So wandte er sich nochmals zu Tomalak um und sagte: „Wir werden dich nie vergessen!“
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– E N D E –

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