Tomalak

  „Ist in Ordnung!“ Tranthar faßte Kerasor an beide Schultern, sah ihn in die Augen und sprach den traditionellen Abschiedsgruß der Mehandor: „Über Euch den Schutz der She-Huhan!“ Dann drehte er sich um und verließ den Raum. Kerasor sah ihm nachdenklich hinterher.

  Der Gang war leer. Während Tranthar die wenigen Schritte zu seinem Quartier hinter sich brachte, fragte er sich, wieso Kerasor dieses Risiko eingegangen war. Sicher, sie kannten sich schon fast ein Jahr und sie konnten auf viele gemeinsame Erlebnisse zurückschauen, die sie verband. Aber niemand würde deswegen seine Karriere aufs Spiel setzen. Kerasor hatte etwas damit bezweckt. Er war politisch aktiv und hatte sich viel vorgenommen. Er brauchte Leute, die ihn unterstützten, Freunde, Partner, denen er vertrauen konn­te. Vielleicht wollte Kerasor ihn für sich gewinnen und hatte heute in die Zukunft investiert. Tranthar fand nichts ehrenrühriges dabei, schließlich war Kerasor kein Mann, der jemand ausnutzte. Er gab mehr, als er nahm.
  Tranthar legte die Hand auf das Impulsschloß. Die Tür zu der Unterkunft, die er sich mit Tomalak teilte, glitt auf und der Raum wurde in helles Licht getaucht.
  Das erste, was Tranthar sah war, daß der Raum nicht mehr so war, wie er ihn heute morgen verlassen hatte. Tomalaks A-Grav-Liege war aus der Wand geklappt, die Decke darauf zerwühlt. Die Tür zu seinem Wandschrank stand offen, einige Taschen lagen davor am Boden. Die vollrobotische Naßzelle, die den Dimensionen eines Kah’lass Rechnung trug, stand offen, war aber leer. Auch sonst war niemand im Raum.
  „Den Sternengöttern sei Dank, Tomalak ist wieder hier!“ seufzte Tranthar erleichtert bevor er den Raum betrat und die Tür sich zischend hinter ihm schloß. Anscheinend war die Verletzung verheilt und die Geheimhaltung aufgehoben. Tranthar ging zum Trivideo-Kubus und schaltete ihn ein. Vielleicht hatte Tomalak eine Nachricht hinterlassen, wo er sich momentan befand.
  Richtig, Tomalaks Kopf erschien in dem Kubus. „Hallo, Tranthar!“ sagte er. „Ich bin heute morgen aus der Klinik entlassen worden. Ich sollte mich noch zwei Tage ausruhen. Aber gegen abend ging es mir furchtbar schlecht. Ich habe Blut gebrochen. Das war mir so unheimlich, daß ich die Klinik verständigt habe. Sie holen mich jeden Moment ab. Schade, daß wir uns heute nicht mehr sehen werden.
  Der Trivideo-Kubus erlosch. Tranthar war wie vor dem Kopf geschlagen. Das klang mehr als besorgniserregend. Wenn ein Kah’lass sagte, daß es ihm schlecht ging, waren andere schon gestorben.
  Er war um Tomalak so besorgt, daß er in der Klinik anrief. Dort hörte er nur, der Patient dürfe nicht gestört werden. Er wurde auf morgen vertröstet.
  Der Abend war ihm gründlich verdorben. Eigentlich wollte er heute in die nahegelegene Hauptstadt Varynkors, um sich wieder einmal mit Mehandor zu treffen, die es auf Varynkor verschlagen hatte. Aber die innere Unruhe war so groß, daß er darauf verzichtete. Er hörte noch einige Zeit anspruchsvolle arkonidische Musik, dann legte er sich schlafen.
 
*      *     *
 
  Tranthars Träume waren wirr und nicht rekonstruierbar. Als er erwachte war er schweißgebadet. Kaum hatte er seine Morgentoilette hinter sich gebracht und die Uniform angezogen, als es an der Tür klopfte. Er öffnete.
  Zwei arkonidische Ma’chors standen auf dem Gang. Einer war so groß wie Tranthar und hatte ein kantiges Gesicht, der andere war kleiner, hager mit sich flink bewegenden Augen.
  „Jewlin Goshuran!“ sagte der Größere und deutete auf sich. „Und Tarnak Amaraf!“ dabei deutete er auf den Kleineren. „Wir haben die Aufgabe Tomalaks Habseligkeiten abzuholen!“
  Mit Tarnak hatte er schon einen unliebsamen Zusammenstoß gehabt. Kurz nach seiner Ankunft auf Varynkor war er von ihm bis aufs Blut gereizt worden, und als er ihn schließlich mit den Fäusten zur Rechenschaft hatte ziehen wollen, hatte er feststellen müssen, daß sein Kontrahent Dagor beherrschte. Er wäre damals fürchterlich verprügelt worden, hätte Tomalak nicht ein­gegriffen.
  Tranthar trat zur Seite um die beiden eintreten zu lassen. „Die Taschen stehen vor dem Schrank!“ sagte Tranthar!“ Sie sind noch nicht ausgepackt. Ich hätte sie auch in die Klinik bringen können.“
  „Wer redet denn von der Klinik, Tran­thar!“ wies ihn Tarnak gehässig zurecht. „Dein Freund ist tot! So tot wie man nur sein kann! Heute nacht in der Klinik krepiert! Dir kann er jetzt nicht mehr helfen!“
  Der Schlag kam so überraschend, daß Tarnak keine Zeit mehr hatte zu reagieren. Tranthar war kein Schwächling und er hatte die ganze Wucht seines Körpers hineingelegt. Der Arkonide wurde durch die Luft gewirbelt, krachte außerhalb des Raums auf den Boden des Ganges und rutschte bis zur anderen Wandseite. „Leute, die keinen Anstand haben bleiben draußen!“, meinte Tranthar trocken, noch die ganze Tragweite des Gesagten nicht begreifend.
  Tarnak blieb einige Augenblicke benommen liegen, bevor er mit der Hand sein Kinn betastete und sich langsam aufzurichten begann.
  „Er hat recht, Tarnak!“ rief ihm Jewlin zu. „Er ist zwar ein verdammter Mehandor, der hier auf dieser Akademie rein gar nichts verloren hat, aber sein Freund ist tot, und er hat ein Anrecht darauf, daß wir diesen mit Respekt behandeln.“
  Erst jetzt dämmerte es Tranthar, daß Tomalak wirklich tot war. Er bewahrte mühsam Haltung, wartete bis Jewlin mit den Taschen und einigen 3-D-Bildern, die er von der Innenseite des Wandschrankes abgezogen hatte, den Raum verließ. Nahm noch mit ausdruckslosem Gesicht Tarnaks Drohung: „Wir sehen uns wieder!“ entgegen, bevor er zum Trivideo-Kubus eilte und von dort die Klinik anrief. Er erhielt die lapidare Nachricht, Tomalak wäre an Herzversagen gestorben. Ein winziger Knochensplitter, der sich von der Brustplatte gelöst hatte, hätte dies verursacht.
  Tomalak tot! Ein Verlust ohne gleichen. Nicht ersetzbar. Auf immer verloren. Erinnerungen stürmten auf Tranthar ein, Erlebnisse mit Tomalak und Gespräche, Gedankenaustausch über verschiedene Themen. Niemehr würde es das geben. Niemehr würde er ihn sehen. Und dann kamen die Tränen. Nicht ein Schwall, nicht eine Flut von Tränen, welche die Anspannung, die Verkrampfung lösten. Nein, denn Mehandor weinten nicht, ebensowenig wie Kah’lass weinten. Jede einzelne Träne mußte sich den Weg freikämpfen, Stück für Stück. Und Tranthar mußte die Erfahrung machen, daß er sie nicht aufhalten konnte.
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