Tomalak

 
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  Es war kurz vor der Dämmerung. Tranthar hatte gerade die Schießstände verlassen und war auf dem Weg zu seinem Quartier. Er war mißgelaunt. Das hatte verschiedene Gründe. Seit zwei Tagen versuchte er vergeblich Tomalak zu sprechen oder in der Akademie-Klinik zu besuchen. Sein Ansinnen war wegen äußerster Geheimhaltung abgelehnt worden.
  Einer der Gründer der Raum-Akademie Varynkor, Antor del Kolamir, hatte am frühen Nachmittag eine Versammlung einberufen, in der die Vorkommnisse um die ES’COFEER erklärt werden sollten. Tranthar hatte sich viel von der Eröffnung versprochen. Doch er wurde enttäuscht. Die ES’COFEER war in dem Zielsystem aus einem Asteroidengürtel beschossen worden und hatte einen Treffer erhalten. Die Besatzung hatte schnell reagiert, den Schutzschirm aktiviert und die Triebwerke auf Maximalbeschleunigung geschaltet. Da sie mit einer Verfolgung rechnen mußten, hatten sie die Entfernung von ca. 200 Lichtjahren zum Harrekatam-System in einer Transition überwunden. Nachdem die ES’COFEER standardmäßig nur für Sprünge bis zu 50 Lichtjahren, maximal bis zu 100 Lichtjahren ausgelegt war, wußte die Besatzung, daß sie die Transition nicht überstehen würde, ohne das Bewußtsein zu verlieren. Also aktivierten sie das Notprogramm zur Rückführung des Raumschiffs auf seinen Heimathafen Varynkor. Was sie nicht bedacht hatten war, daß die Transition die gesamte Energie des Raumschiffs verbrauchte. Der Energiefluß war so gewaltig, daß Überlastsicherungen reagiert und die gesamte Energieerzeugung im Schiff lahmgelegt hatten. Die Transition war gelungen, die ES’COFEER aber energetisch tot.
  Tomalak, der aufgrund des Beschusses, unter einem Kampfroboter begraben worden war, hatte bereits vor der Transition das Bewußtsein verloren. Er hatte den Transitionsschock nicht mitbekommen und war kurz danach aus seiner Ohnmacht erwacht. Trotz erheblicher Verletzungen hatte er sich zur Zentrale geschleppt und die Energieversorgung eingeschaltet. Die Notprogrammierung hatte sofort reagiert, das Raumschiff abgebremst und auf Kurs gebracht. Da durch den Treffer ein Teil der Triebwerksdüsen ausgefallen und zudem das Bremsmanöver zu spät eingeleitet worden war, drohte das Raumschiff auf Varynkor zu zerschellen. Durch die Idee Tomalaks, den Schutzschirm bis auf den maximal möglichen Wert ‘aufzublasen’ und durch die Luftreibung die Geschwindigkeit der ES’CO­FEER weiter zu senken, wurde daraus ein gemäßigter Absturz. Alle Besatzungsmitglieder überlebten.
  Über den Feind, der hinter dem Beschuß steckte war nichts bekannt. Fragen waren nicht zugelassen.
  Danach ermahnte Antor del Kolamir die Versammelten, sich an Tomalak pas Meramar ein Beispiel zu nehmen. Durchhaltevermögen, Verantwortungsbewußtsein, Ideen­­­reichtum und Reaktionsschnelligkeit, das seien Eigenschaften, die ein Absolventen der Raum-Akademie unbedingt besitzen müsse.
  Es versöhnte Tranthar ein wenig, daß Tomalak öffentlich als positives Beispiel dargestellt worden war. Ein Rundblick in die Gesichter von Arkoniden mächtiger Familien zeigte ihm aber, daß kaum Bereitschaft vorhanden war, die Leistungen eines Kah’lass auch entsprechend anzuerkennen. Im Gegenteil, diejenigen, deren Familien sie nur nach Varynkor gesendet hatten, um den Imperator SARAN III. ein Zeichen des guten Willens zu geben, die aber selbst davon überzeugt waren, nur Arkoniden reinster Abstammung dürften auf einer arkonidischen Raum­akademie Zutritt erhalten, diejenigen schienen fester von ihrer vorgefaßten Meinung überzeugt als je zuvor.
  Selten hatte Tranthar so unbefriedigt eine Versammlung verlassen. Kein Wort, ob die ES’COFEER von einer Bodenstation oder von einem Raumschiff aus beschossen worden war. Aus den Schäden, die der Treffer angerichtet hatte, konnte man doch feststellen, welche Energieart verwendet worden war, welche Idensität sie gehabt haben mußte und welche Raumschiffstypen mit solchen Waffen bestückt waren. Bereits jetzt mußten Ergebnisse vorliegen.
  Der zweite Punkt war die Notprogrammierung. Warum hatte sie das Raumschiff nicht an Varynkor vorbeigeflogen oder es in einen Orbit um Varynkor gelenkt, bis die Geschwindigkeit für eine Landung niedrig genug war? Was hatte eine Notprogrammierung für einen Sinn, wenn Sie das Raumschiff samt Besatzung auf einen Planeten abstürzen ließ? Nein, irgend etwas stimmte da nicht. Irgend etwas wurde von der Leitung der Raum-Akademie verheimlicht.
  Weiter frustrierte Tranthar, daß die einzigen Ma’chors zu denen er neben Tomalak eine Art Kameradschaft aufgebaut hatte, für ihn momentan nicht erreichbar waren. Er konnte mit niemand über die letzten Ereignisse sprechen.
  Tranthar erreichte die Abzweigung, die vom Hauptgang zu den Quartieren der Ma’chors seines Jahrgangs führten. Als er um die Ecke bog, kam ihn Jelyn del Cronoth entgegen, eine Kolonialarkonidin von Gelorn II. Auf diesem Planet war die Macht der Familie gebrochen und die Verantwortung war auf das einzelne Individuum verteilt worden, so auch auf die Frauen. Ein beliebtes Thema von Jelyn, wenn sie ab und zu mit Tranthar an einem Tisch in der Kantine saß, war „Das Leben der Frauen im Patriarchat der Mehandor“. Jelyn wollte einfach nicht begreifen, daß die Frauen in den Sippen der Mehandor beschützt waren, sich in ihrer Aufgabenteilung mit den Männern wohlfühlten und sich nicht selbst verwirklichen wollten, von Ausnahmen natürlich abgesehen. Gegensätzlicher konnten die Meinungen nicht sein. Aber Jelyn und er respektierten sich gegenseitig. Schließlich verband sie eines: Weder er als Mehandor noch Jelyn als Frau bzw. Kolonialarkonidin hätten jemals eine Chance gehabt, eine arkonidische Raum-Akademie zu besuchen, wenn nicht SARAN III. Imperator geworden wäre und die Raum-Akademie auf Varynkor gegründet hätte.
  Jelyn war als Frau eine durchaus angenehme Erscheinung. In der blauen enganliegenden Uniform kam ihre Figur voll zu Geltung. Ein übriges tat ihr ausdrucksvolles Gesicht mit den vollen Lippen, umrahmt von braunen, schulterlangen gekräuselten Haar. Ein Grund vielleicht, daß er sich manchmal von ihr Theorien anhörte, für die ihn normalerweise die Zeit zu schade gewesen wäre.
  Jelyn schien in Gedanken versunken den Blick auf den Boden gerichtet. „Hallo, Jelyn!“ sprach Tranthar sie an, als sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war. „Warst du heute auch auf der Versammlung?“
  Die Frage blieb unbeantwortet. Jelyn schritt ohne ihren Blick zu heben an Tranthar vorbei.
  Das konnte doch nicht sein, daß sie ihn nicht gehört hatte. Tranthar blieb völlig verwirrt stehen und drehte sich nach ihr um. „Heh! Jelyn!“ rief er. „Ich bin es, Tranthar! Kennst du mich plötzlich nicht mehr!“
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