Tomalak

Tomalak

 
 
 
Diese Story widme ich meinem Freund Jürgen Hermann, der am 5. Januar 1996 verstarb.
Harald Schäfer
 
 
 
  „Ortung!“ gellte Chanvas Stimme durch die Zentrale. „Ein Raumschiff hat jenseits der Umlaufbahn Orukils den Hyperraum verlassen. Kurs: Va­ryn­kor.“ Er unterbrach sich für einen Moment, während er Kontakt zur Funk­zentrale aufnahm. „Iden­tifi­zie­rungs­code wurde bisher nicht gesendet!“ meldete er dann.
  Tranthars Finger huschten über die Sensorfelder der Positronik. „Es ist kein Raum­schiff für diesen Zeitraum angemeldet“, dröhnte seine Mehandor-Stimme Augenblicke später auf, während er sich lächelnd zu Vynga del Norlaan umwandte. Sie war die Ranghöchste von den Ma’chors in der Zentrale. Ihr Gesicht verkrampfte sich, als sie Tranthars Blick begegnete. Ausgerechnet während ihrer Dienst­zeit mußte wieder ein Raumschiff außerhalb der Systemgrenzen unangemeldet auftauchen. Diesmal würde es Tranthar nicht gelingen, sie vor ihren Vorgesetzten bloßzustellen.
  „Chanvas! Funkzentrale an die Ortung koppeln. Sie sollen das Raumschiff anfunken und Identifizierung verlangen.“ Mit einer hastigen Bewegung strich sie sich eine Strähne ihres weißen Haares aus der Stirn. Jetzt nur keine Fehler machen, hallte es in ihren Gedanken. Bruchteile von Augenblicken fühlte sie eine innere Leere in sich, gegen die sie ankämpfen mußte. Dann waren ihr die nächsten Schritte klar. „Tranthar! Geschwindigkeit und Zeitpunkt ermitteln, wann das Raumschiff Varynkor erreichen wird!“
  „Befehl verstanden, Erhabene!“ Sie zuck­­te unwillkürlich zusammen. Wollte dieser rotbärtige Mehandor sich über sie lustig machen. Es mußte doch jedemThos'athor klar sein, daß die Anrede Erhabener nur für Raumschiffskom­mandanten und höhere Ränge verwendet werden durfte. Sie schob den Gedanken beiseite, während Sie die Interkom-Verbindung aktivierte. Sie hatte einfach keine Zeit für Moralpredigten.
  „Hier Vynga del Norlaan, Ortungszentrale. Ich rufe den Ausbilder Jewon da Carnat! Kommen Sie bitte umgehend in die Zentrale. Wir haben ein Problem!“
  „Vynga!“ meldete sich Tranthar. „Ich habe die Berechnung. Das Raumschiff bewegt sich mit 0,6047facher Lichtgeschwindigkeit. Es wird Varynkor in genau 40 Zeit­ein­hei­ten erreichen.“
  Tranthars Stimme klang sachlich ohne Hohn oder Ironie. Doch verzogen sich seine Lippen nicht zu einem spöttischen Lächeln? Manchmal verwünschte Vynga diesen verfilzt aussehenden roten Bart. Es war ihr unmöglich in seinen Gesichts­zügen zu lesen. Vermutlich war dies auch der Grund, warum Mehandor sich diese Bärte wachsen ließen. Bei Verhandlungen konnten die Geschäftspartner keine Gemütsbewegung aus ihren Mienenspiel heraus­lesen.
  Sie zwang ihre Gedanken in eine andere wichtigere Richtung. Was konnte sie noch tun, um die gegenwärtige Situation mög­lichst ehrenvoll zu überstehen? Die Raum-Akademie war wegen der Präsentationstage der Raum-Akademien auf Arkon momentan von Raum­­­schiffen entblößt. Sie war ein leichtes Opfer für Fanatiker, die das arkonidische Imperium nur den reinblütigen Arkoniden zubilligten. Die Gleichberechtigung von Kolonial­arkoniden, Mehandor und Kah’lass hatte in ihrem Gedankengut keinen Platz. Ein einziges Schlachtschiff würde genü­gen, um den Traum eines friedlichen Zusammenlebens der wichtigsten Völker arko­ni­discher Abstammung nachhaltig zu zerstören.
  „Raumschiff passiert die Umlaufbahn Oru­kils.“ Chanvas Blicke hingen konzentriert an den Ortungsschirmen. Er beobachtete die wechselnde Position des Raumschiffes zwischen dem 6. und dem 5. Planeten und die sich schnell ändernden Zahlenwerte. „Es sind keine Triebwerks­emissionen anmeßbar. Kein Schutzschirm aufgebaut.“
  „Hier Honak! Funkzentrale!“ erklang es aus dem Interkom. „Das Raumschiff ant­wortet bisher nicht auf unsere Identifizierungsaufforderung!“ Im Hintergrund war das geschäftige Raunen mehrerer Stimmen zu hören.
  Vynga seufzte innerlich. Sie hatte es fast schon erwartet. „Hier Vynga!“ meldete sie sich bei der Funkzentrale. „Versuchen Sie es weiter!“
  Ihr Blick wanderte zum Zentraleschott. Doch nichts bewegte sich. Wo blieb nur Jewon da Carnat. Sie konnte nicht mehr länger warten. Sie mußte Alarm für die zwei Jäger-Rhagarns geben. Diese waren die einzige Möglichkeit der Verteidigung. Varynkors. Die Raum-Akademie verfügte über keine planetaren Geschützstellungen und über keine Raumforts. Sollte es sich nachträglich erweisen, daß sie voreilig gehandelt hatte, würde Ausbilder Jewon da Carnat sie sich persönlich vor den versam­melten Kadetten vornehmen. Und Sie würde noch monatelang spöttische Blicke in ihrem Rücken spüren. Andern­falls konnte die Raum-Aka­de­mie vernichtet werden.
  „Raumschiff passiert die Umlaufbahn von Pallam!“ Canvas Meldung war das Stichwort zum Handeln. Sie gab Raum­­­alarm!
 
*     *      *
 
  Tranthar zuckte zusammen, als das zyklische Auf und Ab des Raumalarms durch die Zentrale heulte. Vynga hatte mit keiner Silbe angedeutet, daß Sie auch diese Möglichkeit in Erwägung zog. Hoffentlich hatte sie sich nicht zu weit vorgewagt. Überall in der Raum-Akademie würden jetzt die Thoas'athor ihre Kampfanzüge überstreifen, die Schutz­schirmprojektoren anlegen und sich bewaff­nen. Diejenigen, die in Bereitschaft standen, würden zu den letzten zwei Jäger-Rhagarns hetzen, welche die Raum-Akademie noch aufbieten konnte, und in den Raum starten. Einerseits wünschte er Vynga, daß der Raumalarm gerechtfertigt war, andererseits fürchtete er das, was aus dem Raum auf sie zukam. All diese Gedanken schossen ihm durch den Kopf während er sich selbst aus einem nahestehenden Schrank Kampfanzug, Schutz­schirm­generator und Waffen holte.
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