Aufbruch

  "Das ist wirklich eine Überraschung", brachte der verdutzte Kerasor noch heraus und ging auf das Paket zu. Vorsichtig hob er es an, drehte es einige Male umher, bis er den Öffnungsensor entdeckte. Sanft angetippt, legte er das Geschenk zurück auf den Stein. Die Farben der Verpackung begannen zu glühen und sie öffnete sich wie eine Blüte im Zeitraffer. Zum Vorschein kam eine original arkonidische Valora – die Rührung konnte man Kerasor ansehen, als er vorsichtig das Musikinstrument aufnahm. In seinem  Gesicht erhob sich  Protest, als die ersten "Musik, Musik" Rufe erschallten, doch Kerasor unterdrückte ihn.
 "Nein, ihr wollt doch nicht, daß ich Euch jetzt etwas vorspiele! Dazu bin ich viel zu unkonzentriert!" wehrte Kerasor ab.
 Doch Jakinam umfaßte seinen rechten Oberarm und sprach langsam auf ihn ein. "Mein Lieber, nach solch einem Geschenk wirst Du spielen müssen – ob du willst oder nicht! Schließlich habe ich das Geschenk mit ausgesucht und bestehe auch auf ein Lied – unser Lied!"
 "Na warte, bis wir zu Hause sind, Du kleine Verräterin" flüsterte Kerasor ihr lächelnd zu, setzte sich auf den  Sprecherstein, legte sich die Valora über die Knie und hielt die Hände einige Augenblicke über das Musikinstrument.
 Er konzentrierte sich, schloß die Augen, dann strichen seine Finger sanft über die beidseitg angeordneten Metallplättchen hinweg. Bei jeder Berührung erklangen viele angenehme Töne, kurz hintereinander. Kerasor probierte erst einige Takte, um sich mit dem Instrument vertraut zu machen. Dann begann er sein Spiel mit dem "Lied des Kristallprinzen". Als dessen erste Melodien erklangen, wurde es so still, daß man das Gras hätte wachsen hören können. Es war das Lied der blauen Blitze, wie sie sich selbst nannten. Die angenehmen, harmonischen und eindringlichen Klänge verzauberten alle Zuhörer. Dem langsamen und leisen Intro folgte ein rhythmisches melodisch klingendes Musikstück, das die Zuhörer mitwippen ließ. Nach etlichen Minuten endete dieser Teil und weitere sanften Melodien folgten. Sie verzauberte nicht nur die um Kerasor sitzende Gruppe, auch andere Tamanarer, die im Park unterwegs waren, um sich zu entspannen, schlugen sie in den Bann. Sie blieben stehen oder setzten sich, um den Klängen zu lauschen, die leise irgendwo aus der Nähe heran schwangen, wie weiche, kleine Wellen in einem See.
 Obwohl nicht perfekt, verzauberte Kerasor dennoch sein Publikum. Die wenigen Fehler, die ihm unterliefen, wurden nicht beachtet. Die Queran-Familie, die regierende Familie auf Tamanar, war schon immer ein Verehrer und Förderer arkonidischer und anderer Musiker gewesen. In besonderen Ehren hielten sie das Gesamtwerk eines Komponisten, den selten jemand im Imperium beachtete. Die Musikzyklen von Upoc I. des Großen, wie er auch genannt wurde! Das Lied das Kerasor gerade spielte, stammte aus dessen letzten Zyklus, dem größten dieses alten Meisters. Vor fast fünf Jahrtausenden wurde es geschaffen. "Nebelkrieg" nannte Upoc sein letztes und längstes Werk. Vor viertausend Jahren in Vergessenheit geraten, wurden die Originale von Famakall von Tamanar wiederentdeckt. Seitdem werden sie von den Arkoniden auf Tamanar immer wieder gespielt.
 
 Plötzlich erscheckte ein lautes Brummen den Spieler und seine Zuhörer, die Musik brach ab, die Stimung verlor sich in Augenblicken. Von vier Armbändern der Gruppe – Kerasor, Uwolan, Kitoan und Gaffaren, kam das nervenaufreibende Geräusch. Rote Lichter blinkten an ihren Armkommunikatoren. Das Alarmsignal hörte abrupt auf und die Stimme von Pacheopalan, dem Sicherheitschef von Tamanar, erklang; schneidend und aufrüttelnd.
 "Sicherheitswarnung! Sicherheitswarnung! Für die Stadtbezirke Pekrab 21 bis 56! Wir haben einen "Attentäter" auf dem Schirm. Sonderschaltung "Manar" tritt in Kraft! Seht Euch vor!"
 Als das Wort "Attentäter" erklang, erhoben sich die jungen Tamanarer und stürmten – tausendmal geübt, den Hügel zu ihren Maschinen hinab. Die Alarmschaltung öffnete die Waffenfächer und die jungen Leute entnahmen ihnen leichte und mittelschwere Strahlwaffen. Danach verteilten sie sich in Sekunden im Gelände, Deckung suchend, ihre Blicke in der Gegend aufmerksam umherschweifend. Kerasor und Uwolan warnten nahe Passanten. die ihnen zunickten und sich schnell in Richtung der Schutzgebäude entfernten. Aus der umgebenden Stadt ertönte das Wimmern von Alarmsirenen.
 "Dort oben, daß muß er sein" rief Garwen allen zu und deutete auf einen kleinen schwarzen Punkt, der sich schnell vergrößerte. Der Fleck ähnelte einem Furub, einen der großen Vögel von Tamanar. Doch so weit in Äquatornähe wurden diese riesigen Vögel noch nie gesehen. Mit jeder Sekunde, die verstrich, wuchs der Vogel – oder die zum Töten programmierte Robotmaschine. Jeder Versuch, mit den Handfeuerwaffen auf die rasend schnell herabstürzende Kreatur zu schießen, schlug fehl. Auf fast jede Gefahr gedrillt, schoßen die jungen Tamanarer was die Waffen hergaben. Sie war knapp 50 Meter vom Boden entfernt, auf die Blauen Blitze zurasend, als ein Gleiter der Sicherheitsgarde über den Baumwipfeln auftauchte. Ein Röhren und ein Donnern zeugte von einem Schuß des Gleiters. Doch anstatt die Killermaschine zu zerschmelzen, explodierte sie mit einem donnernden Knall. Die umherjaulenden Metall-Splitter durchsiebten den Gleiter und brachten ihn zum Absturz.
 Auch die Blauen Blitze kamen nicht ungeschoren davon. Obwohl in großer Höhe explodiert, schlugen pfeifend Metallfragmente rings um und auf die jungen Leute ein, verletzten etliche unter ihnen. Schmerzhaft waren die Wunden, Kerasor blutete aus dem Oberarm, das Gesicht ein wenig vor Schmerz verzogen. Er drehte sich um, Karmol und drei weitere Tamanarer lagen regungslos auf dem Gras und stöhnten vor Schmerzen. Die Splitter hatten sie im Brustbereich verletzt, die Wunden bluteten heftig. Bis auf neun Tamanarer, trug jeder eine kleine oder größere Verletzung davon.
 Wenige Augenblicke nach der Explosion erschienen die ersten Ambulanzgleiter und landeten auf dem Rasen des Parkes. Da sah Kerasor Jakinam hinter einer Bodenwelle liegen! Mit vor Schreck geweiteten Augen stürzte er zu ihr hin.
 "Kümmert Euch um die Drei dort drüben, sie scheint es am schlimmsten erwischt zu haben" hörte Kerasor jemanden rufen. Er sah vier Sanitäter heranstürmen.
 "Einen Medohelfer her zu mir, schnell" herrschte er die Leute an. Kerasor beugte sich über die schwach atmende Jakinam. Ein Arzt reagierte und breitete seine Medogeräte auf dem Grasboden aus. Er fuhr mit einem Scanner über den Körper der Frau, gleichzeitig erschien auf dem Kleinbildschirm der ausgebreiteten Medotasche die Verletzungen und deren Schwere. Der Arzt spritze ein vorbeugendes Präparat in den Oberarm der Verletzten und rief über seinen Armband-Kom einen der Krankengleiter her. Der Bauchaufschneider heftete ein Spezialgerät auf Jakinams Brust.
 "Zwei Metallsplitter stecken bei ihr im Brustkasten. Die müssen sofort operativ entfernt werden. Die Lunge hat einiges ab bekommen, aber sie wird es schaffen. Zehn vielleicht zwölf Tage, dann ist sie körperlich wieder gesund." Mit ruhiger Stimme teilte der Arzt dies dem neben sich wartenden Kerasor mit. Dieser nickte lautlos und folgte der Schwebebahre bis zum Medogleiter. Einer der Helfer kam heran und nahm Kerasor am gesunden Arm.
 "Das hat Zeit" wollte Kerasor kraftlos abwinken, doch der medizinische Helfer ließ sich nicht abwimmeln.
 Kerasor lehnte an den nächsten Baum und sah dem Gleiter nach, der Jakinam in die Poran-Klinik brachte. Momentan könne er sie nicht begleiten, frühestens in zwei Stunden, nach der Operation, teilte ihm der behandelnde Arzt mit.
 Pacheopalan, der Sicherheitschef der planetaren Abwehr, entstieg seinem Spezialgleiter, der soeben auf dem Boden aufgesetzt hatte und kam auf Kerasor zu.
 "Da hattet ihr aber noch mal großes Glück" sprach er Kerasor an, einen Blick über die Verletzten am Boden werfend. "Gut, nur Verletzte, keine Toten!"
 Kerasor wollte diesem sarkastischen Tonfall entgegensprechen, ließ es aber sein, als er in Pacheopalans Augen den Schmerz dieses Ereignisses sah. Es war die Art der Charchanas. Nach außen eine Schale, hart wie Arkonstahl, im Inneren aber einen sehr weichen Kern
 "Abwarten, was die Ärzte sagen, wie es Karmol, Ottagahl, Jamina und Faghard geht. Dann erst bin ich beruhigt!
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