Aufbruch

  "Ah, Uwonal, wir glaubten schon, ohne Dich losfliegen zu müssen" lachte ihm Ikoran entgegen.
 Uwonal winke lächelnd ab. "Beinahe hätte ich das Paket vergessen, mußte nochmal zurück. Da sich bisher niemand von der Gruppe gemeldet hat, sind wir noch nicht zu spät dran."
 "Nun, laßt uns abfliegen, die anderen warten nicht gerne bis zur letzten Minute" unterbrach Kitaon das Gespräch der beiden jungen Männer.
 Sie schwangen sich auf ihre Hartellas, nachdem Uwolan das Paket hinter dem Sitz seiner Maschine befestigt hatte, starteten die Motoren, die leise, fast lautlos zu Summen anfingen und schwebten in Fußhöhe vom Abstellgelände zur Straße hinab.
 Hartellas sind spezielle Ein- und Zweimanngleiter. Ihre Besonderheit ist, daß sie offen geflogen werden. Bis 140 km/h weht einem der Fahrtwind durch das lange, dunkelbraune Haar, bei höheren Geschwindigkeiten sorgt ein Prallfeld für ein angenehmes Gleitgefühl. Von der Tamanarischen Regierung werden Hartellas nur bis 280 km/h Geschwindigkeit erlaubt. Man sitzt in einer leichten Schräglage nach hinten und steuert das Gefährt mit Händen und Füßen. Der Fahrer gleitet auf Gravitationskissen, die entsprechend eingestellt sind. Kurven, Höhen und Tiefen lassen sich mit einem berauschenden Gefühl durchfliegen. Es ist ein angenehmes und aufregendes Erlebnis, solch eine Maschine zu fliegen.
 Die drei jungen Männer bogen auf eine Hauptstraße ein und schwebten mit 100 km/h ihrem Treffpunkt entgegen. Die orangegelbe Sonne, sich der höchsten Stelle am Firmament nähernd, brannte von einem wolkenfreien, türkisblauen Himmel herab. Die heiße Jahreszeit neigte sich dem Ende zu. Ein unübersehbares Zeichen war, daß die Blütenkelche der Cornet-Bäume sich zu öffnen begannen. Kleine, blitzschnelle Per-pes-Vögel statteten den Kelchen einen Besuch ab. Sie kamen erst nach der heißen Zeit aus ihren Bruthöhlen hervor.
 Mit gleichbleibender Geschwindigkeit folgten sie der breiten Straße, im ruhigen Verkehr der Mittagszeit nicht auffallend. Sanft zogen sich die Hügel hinab zum Fluß, von grünen Gärten und bunten Häusern gesäumt. Mühelos stiegen sie auf die unterste Straßenebene hinab, sich dem fließenden Verkehr anpassend, und erreichten nach kaum 10 Zeiteinheiten den Eingang zum Cro-myn-Park. Die Maschinen wurden langsamer, schwebten an der Cromyn-Statue vorbei. Weiter ging es an Bäumen und mannshohen Sträuchern durch den Park. Die Wege wurden naturbelassener, wie mit kleinen Kieselsteinen aufgeschüttet, die Bäume rückten näher heran. Eine Lichtung öffnete sich kurz darauf vor ihnen; sie hatten ihren Treffpunkt erreicht. Ein Gebäude, ganz anders als die gewohnten Trichterbauten, lag zur Hälfte im Boden versunken und viel Grün umwucherte die Mauern. Vor Jahren wurde es von Querans Familie für den Nachwuchs erbaut, wo sie zusammen mit Freunden ihre Freizeit gestalten und verbringen konnten.
 Sie stellten ihre Maschinen auf den vorgesehenen Parkplätzen ab und marschierten den Hügel hinauf zu dem flachen, aber geräumigen Gebäude. Im abgerundeten, drei-eckigem Hof wurden sie von der restlichen Truppe erwartet und fröhlich begüßt.
   "He, Uwolan, hast Du auch das Geschenk nicht vergessen?" tönte eine rauhe, weibliche Stimme zu den Ankömmlingen hinüber.
 "Natürlich, Sameu, natürlich. So vergeßlich bin ich auch wieder nicht, obgleich…" wollte Uwolan weiter fortfahren, als er von Moramal unterbrochen wurde.
 "Leute, ich habe Kerasors Maschine in der Ortung, er wird in wenigen Minuten hier sein. Versteckt das Geschenk, bis es gebraucht wird!"
 So geschah es. Das Geschenk wurde außer Sichtweite gebracht und die 20 jungen Tamanari gruppierten sich unauffällig im Innenhof umher. Die anregenden Unterhaltungen übertönten das leise summende Geräusch der ankommenden Hartella.
 Ein lautes "Hallo" ließ viele verstummen und sich den Neuankömmlingen zuwenden. Kerasor erschien in Begleitung von Jakinam. Beide Arm in Arm, begrüßten jeden der Gruppe mit einem Handschlag. Damit nach einigen Minuten fertig, löste sich Kerasor vorsichtig aus den Armen seiner Partnerin, stellte sich auf den Sprecherstein in der großen Ecke und räusperte einmal laut. Die Gespräche wurden beendet, die Leute setzten sich und warteten interessiert, was Kerasor ihnen mitteilen wollte.
 "Wie ihr alle wißt, ist heute mein letzter Tag hier auf Tamanar und bei Euch. Von Morgen an bin ich unterwegs und werde als erster Sohn eines regierenden Tamanarers eine arkonidische Raumakademie besuchen. So wie ich mich darauf freue, so bedenklich stimmt mich dieser Abschied. Wir werden uns nach einer langen Zeit trennen – von Jakinam, meiner Geiebten und von Euch, meinen Freunden! Wir hatten eine schöne Zeit zusammen und daß diese Augenblicke des Zusammenseins irgendwann vorüber gehen würden, war uns allen seit langem klar. Die Pflicht ruft und ich gehe auf die Akademie, andere von Euch werden im Weltraum oder auf anderen Welten unterwegs sein. Ich bin der Erste von unserer Gruppe, der geht. Ich meine, daß wir uns wieder sehen sollten. Deshalb schlage ich vor, daß auf den Tag genau in zehn Jahren, hier an diesem Ort, wir wieder zusammenkommen!"
 Dieser Punkt fand Zustimmung unter allen Anwesenden, der Beifall unterbrach Kerasors Rede eine Zeit lang, bevor er weiter reden konnte.
 "Also, daß wir alle einer Meinung sind, war mir klar. Da es mit der Auflösung der "Blauen Blitze" noch etwas dauern wird, werde ich Uwolan bitten, die nächsten Tage auf euch ein waches Auge zu richten, damit keiner Unfug macht. Uwolan wird als einziger hier in Taman-Estet bleiben. Als angehender Historiker hält er Kontakt zu uns und schreibt unsere Geschichte weiter. Wenn also jemand Kontakt wünscht oder braucht, so wißt Ihr, wo er zu ereichen ist." Darauf hin stieg Kerasor vom Rednerstein herab, gab Uwolan die Hand und umarmte ihn.
 Applaus und laute Zurufe begleiteten diese Geste. Uwolan gab Kitoran mit den Au-gen ein Zeichen. Diese holte das Paket hervor und stellte es auf den kleinen Monolithen, dem Rednerstein. 
 "Bevor Du mit Jakinam verschwindest, haben wir noch etwas für Dich" begann Uwolan und drehte Kerasor zum Rednerstein hin. "Pack es aus und nimm es mit auf die Akademie! Es ist von uns allen und soll Dich immer an uns erinnern!" 
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