Aufbruch

  Aufbruch
  
 
 Feine Nebelschleier zogen sich durch die stille, dunkle Parklandschaft. Kein Laut der Vögel, die als erste jeden neuen Tag begrüßen und den Park zuhauf bevölkern, war zu hören. Ab und zu brummte ein verirrter Laslar-Käfer von Baum zu Baum, auf der Suche nach einem geeigneten Versteck, um den Tag zu verschlafen.
 Am Horizont schimmerte der erste helle Schein, der den neuen Tag ankündigte. Geräuschlos öffnete sich eine Tür, Licht erhellte einen dunklen Platz. Ein Mann kam heraus und ging geradewegs zum Rand des Gleiterlandeplatzes. Hinter ihm schloß sich die Tür wieder lautlos. Das Licht erlosch und nur die Positionslichter der Landefläche glommen durch das Morgengrauen. Er ging langsam und bedachten Schrittes zur Einflugschneise der Gleiter und nestelte kurz an seinem Gürtel umher. Er stellte sich exakt an die Kante, wo es fast 200 Meter steil hinab ging. Der Boden war nicht zu sehen, leichte Nebelschwaden und ein Stück der schwarzen Nacht verschluckten jedes Licht, daß in die Tiefe fiel. Die Beine zusammen gestellt, den Körper gestreckt, hob er langsam die Arme, als ob er den neuen Tag begrüßen wollte und kippte langsam kopfüber nach vorne weg!
 Der Schein am Horizont wurde stärker und erhellte den fallenden Kolonial-Arkoniden für einen Augenblick, bevor ihn die Nebelschwaden verschluckten. Kein Laut drang über die Lippen des Mannes, der diesen Fall anscheinend genoß. Die 200 Meter hinab fallend, noch wenige Sekunden, dann würde er aufschlagen! Aber der Sturz, mit Kopf und ausgestreckten Armen voran, wandelte sich in eine flache Kurve und mit der erreichten Fallgeschwindigkeit raste er wie ein übernatürliches Wesen, gerade noch drei Meter über den Erdboden hinweg, einem Weg durch den Park folgend. Der Trichterbau verschwand hinter den Laubkronen der Bäume, als der Tamanari zur Landung ansetzte. Sein Körper drehte sich um 90 Grad, die Fluggeschwindigkeit reduzierte sich. Die Füße berührten den Boden und er begann zu laufen. In diesem Augenblick erwachten die Morgenvögel, begannen zaghaft das erste Zwitscher-Konzert des Tages und langsam stimmten weitere Vögel mit ein.
  Das oberste Rund der Sonne Tam schob sich über den Horizont und leuchtete auf den Weg und die Wiesen herab. Gleichmäßig in einem bestimmten Rhythmus atmend, folgte der Tamanari diesen Weg, zurück zum Trichterbau, wo an diesem Morgen alles seinen Anfang nahm. Zwei Drittel des Weges schon hinter sich, begrüßten ihn die Kusus, kleine gesellige Vögel in buntem Gefieder, mit einem Pfeifkonzert. Lächelnd verlangsamte der Läufer seine Schritte, um ihnen für einen Moment zu lauschen, als er vor sich das Klatschen zweier Hände hörte.
 "Respekt, mein Junge, Respekt! Das war eine gelungene Vorstellung!" tönte es hinter einer dichten Hecke hervor.
 Noch ein paar Schritte und der Sprecher wurde sichtbar!
 "Guten Morgen, Pacheopalan!" wurde der ältere, etwas seltsam aussehende Mann überrascht angesprochen. "Was treibt Dich so früh am Morgen hier in die Einsamkeit hinaus?"
 "Tja, Kerasor" erwiderte der Alte, "Du wirst es mir nicht glauben, aber ich genieße den Sonnenaufgang und das morgendliche Konzert der Kusus! Außerdem klärt die frische Morgenluft die Gedanken, die Stille schärft die Sinne und die Eskapaden gewisser jungen Männer lassen einen schon mal das Herz schneller schlagen."
 "Hm" kommentierte Kerasor Pacheopalans Worte, "ausnahmsweise nehme ich Dir das ab. Aber was ist der wirkliche Grund, warum Du gerade hier auf mich gewartet hast? Gibt es wieder Ärger?"
 "Leider ja – und besonders Großen!" entgegnete Pacheopalan, Kerasors alter Lehrmeister, und legte einen Arm um die Schultern Kerasors. Langsam schritten sie aus, sich dem Gebäude nähernd. Die Morgensonne schien ihnen in die Gesichter, ein erster Gleiter landete auf dem Trichterbau.
 "Heute Nacht haben wir ein Terroristennest ausgehoben – alles keine Tamanarii, sondern bezahlte Killer! Leider konnte einer entkommen. Er verschwand ohne eine Spur zu hinterlassen. Von den Gefangenen konnten wir erfahren, daß Attentate auf die regierende Familie vorbereitet wurden. Diesmal sollte es auch entfernte Verwandte und Querons Kinder treffen! Deswegen bin ich hier! Wir haben die Vorstufe zum Ausnahmezustand und hoffen, den Attentäter wieder aufzuspüren! Diesmal sind Deine Geschwister und Du das Ziel! Deshalb bitte ich Dich, achte heute besonders auf Deine Umgebung!"
 "Ich werde deinen Rat beherzigen", gab Kerasor zurück. Beide blieben unter einer weit ausladenden Hachal stehen.
  "Dann, mein Junge, wünsche ich Dir viel Glück und Erfolg und hoffe, Dich gesund wiedersehen zu können! Hier habe ich einen Holowürfel, der für Antor von Kolamir bestimmt ist!"
 Pacheopalans zog ein handgroßes würfelförmiges Etwas aus einer seiner Taschen im Gewand, gab ihm den Holowürfel, umarmte den jungen Tamanarer und verließ den Weg entgegensetzt zum Trichterhaus, ohne näheres zu dem Holowürfel zu sagen. Kerasor starrte ihm noch eine Weile nach und nahm mit einem feuchten Schimmer in den Augen seinen Lauf wieder auf! Der Frühstücks-Saal erwartete ihn!
 
*
 
 Immer lauter hallte das Echo eines schnell laufenden Menschen durch den mäßig beleuchteten Gang. Vergebens suchte man nach dem Verursacher. Erst im letzten Moment erschien eine Gestalt am anderen Gangende, ein Paket unter dem Arm geklemmt. Sie kam näher und huschte schnell durch eine sich selbsttätig öffnende Türe. Draußen, auf dem Fahrzeugparkgelände wurde der Mann von zwei anderen Menschen erwartet.  
Pages: 1 2 3 4